Was heißt Show, don't tell?

Exposition vs. Action

zuletzt bearbeitet am 08. Nov 2018

veröffentlicht am 28. Sep 2018 von Melanie Naumann

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Exposition vs. Action = Erzählen vs. Zeigen

Exposition vs. Action - Exposition vs. Action = Erzählen vs. Zeigen

'Zeigen, nicht erzählen' oder die bekannte englische Phrase 'Show, don't tell' begegnet uns überall, wenn wir nach hilfreichen Tipps zum Schreiben suchen. Erfahre hier, wie mich Angst zurückhielt, meine Leser mit in meine Geschichte zu nehmen.


Immer wieder heißt es, du sollst etwas zeigen, nicht nur erzählen.

Der Leser will mitten im Geschehen sein. Nichts verpassen. Die Welt der Figuren mit seinen eigenen Augen sehen und die Herausforderungen zusammen mit den Protagonisten meistern.

Aber wenn man mit dem Schreiben beginnt, versucht man erst einmal die Geschichte aufzunehmen. Manches wird berichtet, weil man schnell von einer Szene zur nächsten gelangen will, nur um zu sehen, wie es weitergeht. Genau an diesen Stellen kann man das Interesse des Lesers verlieren.

 

In diesem Beitrag lernst du, wie du Exposition in einer Szene erkennen kannst und die Begebenheit in pure Action für den Leser verwandelst. Etwas, das deinen Leser mit Nervenkitzel, Spannung und Neugier füllen wird.

 

Exposition war auch mein Problem.

Um Exposition am Beispiel einer kompletten Szene zu demonstrieren, lasse ich dich eine Szene meines aktuellen Thrillers lesen.

Ich hatte das Problem, dass sich mein Bombenentschärfer aus einem einstürzenden Gebäude retten musste. Sein Fuß war jedoch unter einem Deckenbalken eingeklemmt und alles, was der Leser von ihm hörte, war via der Headset-Kommunikation mit seinem Team. Nachdem auch diese Funkverbindung verloren war, kommt die Freundin des Bombenentschärfers zu dem tragischen Ort, wo sie ihre Liebe unter Trümmern begraben findet.

Beispiel für Exposition vs. Action - Show, don't Tell

 

Achtung: Spoiler! ;-)

 

Beispiel Exposition:

Nach mehreren Minuten legte sich der Nebel und entblößte unter den staubigen Wölkchen ein Gerippe aus Schutt und Trümmern. Die Balken des Dachstuhls stachen gegen den Schein der untergehendenden Sonne und ihr Schatten schleppte sich zu den Wagen der Emergency Task Force. Er bildete eine letzte Verbindung zu ihrem verlorenen Kollegen, bis die vom nördlichen Gebäudeteil aufsteigenden Rauchwolken den Boden verdunkelten. Zwischen den wachsenden Flammen, dem Ruß und Rauch sowie den Lichtern der Feuerwehrwagen, die zur Löschung des Brandes heranfuhren, schimmerte ein Umriss. Er schwankte entlang der Steinbrocken, sackte zu einer Kugel, erhob sich zu einer Säule und je näher er kam, umso stärker wandelte er sich in einen Menschen.
Blinzelnd rieb sich Marly mit dem Ärmel über die Wangen, während sich der Dreck durch die Luft fraß, in der Steine und Schlamm in einem nebligen Bild verschwammen.
Die Figur, die eine Schicht aus Staub, rostbraunen Splittern und kieselweißen Körnern überzog, schob sich durch das Dämmerlicht und hinkte in ihre Richtung.
Mit einem Satz stemmte sich Marly auf und rannte los. Sie stolperte, stürzte, sprang auf und stürmte weiter, bis sie ungebremst gegen einen Mann prallte und eine Wolke aus Steinmehl um sie aufwirbelte.
Luke stöhnte und kippte einen Schritt zurück, doch seine Arme schlossen sich um sie und fanden mit ihr sowohl Gleichgewicht als auch eine Stütze zugleich. Dann drückte er sie an sich, als wäre sie die einzige Wahrheit, die ihn wissen ließ, dass er überlebt hatte.
Sein Name rann über ihre Lippen, wie ihr die Tränen aus den Augen perlten. Ihre Hände tasteten von seinen Schultern zu Rücken, Hüfte, Oberarmen und Brust. »Ich kann es nicht glauben«, flüsterte sie und streichelte mit den Fingerspitzen sein Gesicht entlang, auf dem sich kohlschwarze Striche mit einem rotglänzenden Streifen kreuzten. »Ich dachte, ich hätte dich verloren.«
»Das wirst du nicht.« Er räusperte sich und Dreck rieselte von ihm. »Ich habe dir versprochen, auf euch aufzupassen.«
Unter ihren Handballen senkten sich die Grübchen und er begann zu lächeln. Ihr Daumen fuhr in die Kerbe seines Mundwinkels und sie sah von seinen geröteten Augen zu seinen Lippen und zurück.
Sein Blick folgte ihr.
Sogleich lehnte sie sich zu ihm. Ihre Finger streiften seine Ohren, vergruben sich in seinem Haar, und sie küsste ihn.
»Marly«, hauchte er. »Es tut mir so leid. Ich glaubte, es wäre vorbei und ich musste dich noch einmal hören.«
»Picasso«, unterbrach Hunter.
Er nahm einen tiefen Atemzug, gab Marly einen Kuss auf die Stirn und drehte sich zu seinen Teamkollegen, die über die Trümmerteile zu ihnen kletterten.
»Immer auf den letzten Drücker.« Hunter sprang von einer Steinplatte und umarmte Luke mit einem Schulterklopfen.
»Besser im letzten Augenblick, als nur einen zu spät«, sagte der Captain. »Aber das nächste Mal…«
»Ich weiß, ich werde mich ranhalten.«
»Wie geht es dir?«, fragte Gold.
»Gut.« Er umschloss Marlys Hand. »Sehr gut.«
Sie strich sich mit dem Handrücken die Tränenspuren von ihren verstaubten Wangen. »Du solltest dich von einem Arzt untersuchen lassen.«
»Das sind nur ein paar Kratzer«, sagte er.
»Das war keine Bitte.«
»Marly hat Recht, du siehst nicht fit aus«, sagte Gold.
»Gebt mir den einen Moment, das hier zu genießen«, bat er mit einem Lächeln, das den Staub an den Lachfalten seiner Augen bröckeln ließ.
»Wie ist es dir gelungen, dich zu befreien?«, fragte Hunter. »Alle Eingänge und Fenster waren von Trümmern verbarrikadiert.«
Luke nickte, wobei er mehrfach zwinkerte. »Als ihr sagtet, ich soll raus, dachte ich, ich könnte die Bombe finden und entschärfen.« Er sah entschuldigend zum Captain. »Vielleicht war es der siebte Sinn, doch wäre ich zurück zur Tür gerannt …« Sein Blick schweifte zu dem Trümmerhaufen, den die Feuerwehrmänner mit Schaum besprühten. »Es geschah so schnell. Ein Knall, ein Schlag, und ich lag auf dem Boden. Alles war dunkel und ich konnte kaum atmen.«
»Dein Fuß war eingeklemmt?« Mit Golds Frage sanken die Blicke auf Lukes linkes Bein, das er angewinkelt hielt und nicht aufsetzte. »Bevor du uns die Geschichte erzählst, sollte sich ein Arzt um dich kümmern.«
»Nein, die paar Minuten halte ich aus.«
»Was war es?«, fragte Hunter. »Was lag auf dir?«
»Ich habe es zuerst nur ertastet, bis mir das Knicklicht den Deckenbalken zeigte.«
»Der hätte dir den Knochen zertrümmert.« Er schüttelte den Kopf, wobei er zugleich den Mund zusammenkniff. Dann rieb er sich die Schläfe und atmete tief ein. »Zwischen dem Balken und meinem Fuß war irgendeine Matratze gelandet. Keine Ahnung, woher die kam.«
»Die ganze Bude ist in sich zusammen gesackt«, sagte Hunter. »Wir hatten die Hoffnung komplett verloren, dass den Einsturz jemand überleben könnte.« Er nickte Marly zu. »Bis auf deine Freundin.«
Luke nahm die Hand von der Stirn und legte den Arm um Marly. »Von drinnen sah es nicht besser aus. Irgendetwas fiel direkt auf mein Headset.« Er deutete auf sein Ohr, bei dem die Blutspur begann, die ihm über die Wange lief. »Ich habe euch kaum verstanden und mein Handy war zerschmettert, überall knallte es.« Er drehte sich zu Marly und in seinen Augen leuchtete das Glück gleich den rotgoldenen Strahlen der Sonne, die den Dunst des Abendhimmels streiften. »Und alles was ich wollte, war wieder bei dir zu sein.«
»Wie hast du das geschafft?« Sie neigte sich zu ihm, um ihm den Halt zu geben, den er brauchte.
»Es bröckelte immer stärker von der Decke, und ich wusste, dass mir die Zeit davon rannte. Ich musste da raus, bevor–« Er holte einen tiefen Atemzug und wandte sich von der Szenerie des qualmenden Trümmerhaufens ab. »Ich habe gegen die Steine gedrückt und versucht, mein Bein unter dem Balken hervorzuziehen, wobei ich die Bänder so weit überdehnen musste, bis ich frei kam.« Er taumelte und sein Gewicht sank etwas mehr auf Marly. »Dann konnte ich aufstehen, aber ich fand weder einen Ausgang noch ein Lichtspalt. Somit verblieb mir nur eine Möglichkeit. Ich musste mir selbst den Weg hinaus sprengen.«
»Du hast wohl nie genug von Explosionen?«, fragte Gold.
»Heute schon.«
»Wie hat das funktioniert?«, fragte Hunter. »Die Zündung hätte den sofortigen Einsturz bedeutet. Außerdem hättest du es ohne Sicherheitsabstand nicht schaffen können, vorher herauszurennen?«
»Ich setzte eine Haftladung an die Außenmauer. Das war die einzige Chance, da lebend herauszukommen. Zum Glück stand ich in der Küche und konnte den Kühlschrank als Schutz nutzen.« Er rieb sich die Stirn. »Es knallte und er prallte gegen mich … für einen Moment war der Weg nach draußen frei, bis alles einstürzte.«
»Das war definitiv die verrückteste Aktion in den Annalen der ETF«, sagte Gold.
»Irre und genial«, sagte Hunter.
»Egal, wie man es bezeichnet, wir sind froh, dass du wieder bei uns bist«, sagte der Captain. »Doch jetzt ist es Zeit, dass du dich durchchecken lässt.«
»Wir sind jedenfalls erleichtert, dass es dir soweit gut geht«, sagte Paolini und verabschiedete sich mit einem Lächeln. Officer Gold und Hunter klopften Luke auf die Schulter und folgten ihrer Kollegin zu den Einsatzwagen.
»Los geht’s«, sagte der Captain und wies in die Richtung der Sanitäter, die fünfzig Meter entfernt von ihnen die Rettungsliege aus dem Krankenwagen zogen.
»Ich helf dir«, sagte Marly, die den Rücken anspannte, um sein Gewicht weiterhin stützen zu können. Dann liefen sie auf das wirre Lichtermeer aus roten und blau blinkenden Leuchten zu, welche unter der dichten Wolkendecke an Leuchtkraft zunahmen.
»Den Tag hatte ich mir anders vorgestellt«, sagte Luke.
Sie wandte den Blick nicht von ihren Füßen, als sie versuchte, für Luke einen ebenen Weg zwischen den Ziegelsteinen am Ende des Hügels zu finden. »… ist das dein Ernst?«
Er schmunzelte. »Eigentlich wollte ich heute Abend für einen ›Die Bühne und Du‹ Auftritt in den Club kommen.« Er stoppte ein paar Meter vor den Sanitätern und drehte sich zu ihr.
»Du kannst mich ansehen, wie du willst«, sagte sie. »Ab hier haben die Ärzte das Sagen.«
Die Grübchen sanken in seine Wangen, doch bevor er zu lächeln begann, schnellten seine Hände in sein Gesicht. Mit einem Ächzen drückte er sich gegen die Schläfen und kniff die Augen zusammen.
Die Rettungsassistenten eilten zu ihnen.
»Ich muss zum Dok–«, stotterte er. »Du solltest nicht mitkommen.«
»Ich bin für dich da, wie du für mich.«
Die Sanitäter stützten Luke an den Ellenbogen.
Marly trat zurück.
Taumelnd wankte er zum Krankenwagen, wo er sich auf die Liege fallen ließ. Immer noch presste er sich die Arme an die Stirn, so dass der Notarzt und die Assistenten gemeinsam seinen Griff lösen mussten, um seinen Puls zu messen und ihm eine Spritze geben zu können.
Hunter stellte sich zu Marly, die an der Stelle stehengeblieben war, wo sie Luke in die Hände des Ärzteteams übergab. »Er wird wieder. Sein Körper verlangt nach dieser Strapaze nur eine Ruhepause.«
»Du meinst, auch Helden brauchen einer Auszeit?«
»Ja, und Picasso genauso«, scherzte er. »Ich werde nach Dienstschluss im Krankenhaus vorbeischauen, oder möchtest du, dass ich ihn begleite?«
Sie holte tief Luft und sah zum Rettungswagen. »Man kann nicht reiten lernen, wenn man sich nicht auf’s Pferd traut.«
»Ein schlechter Vergleich zu dem, was dir widerfahren ist.«
»Bitte, pusch es nicht hoch. Es ist so schon schwer genug mit all den Erinnerungen von damals und jetzt.«
»Soll ich mitkommen?«
»Ich schaff das. Wie sagt man so schön, es ist nur Kopfsache.«
Er schmunzelte. »Pass auf ihn auf.«
»Ich geb mein Bestes.« Sie ging zu dem Krankenwagen, wo die Sanitäter die Transportliege, auf der Luke lag, in den Wagen schoben. Sie kletterte mit hinein, setzte sich und starrte auf das weiße Gesicht, aus dem das künstliche Licht jegliche Lebensfarbe sog.

 

Diese Szene stammt aus der Überarbeitungshase meines Romans.

Ich schrieb einen Actionthriller. Aber ehrlich, das hier war doch keine Action. Der Bombenentschärfer Luke hat Kopfschmerzen und ihm schmerzt der Fuß, aber ...

  • Wie kam es zu seiner Verletzung?
  • Was hat sich wirklich in dem Gebäude abgespielt?
  • Wie nah war er daran zu sterben?
  • War die Explosion wirklich sein einziger Ausweg?

Diese und viele weitere Fragen werden sich die Leser stellen, wenn sie eine Szene lesen, die sie auch in den Nachrichten sehen können.

 

Nachrichten berichten. Romane unterhalten.

Was war mein Problem?

Diese Szene gehört mit zu den letzten Szenen meines Romans, die ich geändert habe.

Warum?

Weil ich Angst hatte.

Ich traute mich nicht, die Szene unter den Trümmern zu schreiben und mich in die Lage des gefangenen Lukes zu begeben. Aber ich war es ihm und meinen Lesern schuldig, herauszufinden, wie er aus diesem Trümmermehr entkommen konnte. 

Manchmal hat man als Autor nicht die passende Antwort. Manchmal weiß man nicht, wie es weitergehen kann.

Und das ist gleichzeitig das Schöne und das Herausfordernde am Autorensein.

Wir schaufeln selbst die Löcher, in die wir und unsere Figuren hineinfallen, immer und immer tiefer.

Die Komplikationen nehmen zu und irgendwann kommt der Punkt, da müssen wir wissen, wie sich unsere Protagonisten aus ihrem Schlamassel wieder befreien können. Sei es, dass er glaubt, die Liebe seines Lebens verloren zu haben und nun alles dafür tun muss, sie zurückzugewinnen, Oder ein Serienmörder treibt sein Unwesen und der Kriminalkommissar muss ihm irgendwie auf die Sur kommen, bevor noch weitere Menschen sterben. Oder deinem Helden begegnet ein Monster, das unbezwingbar erscheint.

 

Je auswegloser die Situation und desto mehr auf dem Spiel steht, umso mehr wird auch der Leser mitfiebern!

Deswegen lass den Leser nicht in den Nachrichten erfahren, wie eine Szene ausgegangen ist.

Zeig es ihm wie in einem Hollywood Spielfilm und lass deine Leser den Schmerz, die Freude, all die Emotionen deiner Figuren miterleben. Nur so schaffst du ein Erlebnis für den Leser, das ihn Seite für Seite durch deine Geschichte fliegen lässt.

 

Was habe ich geändert?

Ich musste also die Szene schreiben, die zeigt, wie sich der Bombenentschärfer aus seiner miserablen Situation befreite.

Das erforderte auch, dass ich die Szene veränderte, als er Marly und seine Kollegen wiedertrifft. Das Schöne hierbei ist, dass die Intensität, wie sich sein Kopfschmerz äußert, noch viel stärker in der nun gekürzten Szene herauskommt.

Hier sind die beiden Szenen, die ich von Exposition in Action gewandelt habe:

 

Unter Trümmern

Im Inneren des Hauses knackste es. Ein Klang wie in einem Gebiss, das alles und jeden zermalmen konnte. Staub und Qualm füllten das Zimmer mit grauen Schlieren.
Inmitten des Raumes hustete jemand. Ein Knicklicht schien auf die zwei Deckenbalken, die überkreuzt aneinander lehnten und die Außenwände hielten. In den Resten des oberen Stockwerkes klaffte ein breites Loch voller zerfetzter Bretter, Kabel und Leitungen. Das Wasser stürzte herab und zersprang auf der Glasscheibe einer umgerissenen Vitrine.
Luke lümmelte auf einem Sofa. Ein Bein war angewinkelt und drückte gegen einen Holzbalken, während sein linkes eingeklemmt war. Immer wieder stemmte er seine Hände in das Polster und versuchte, seinen Fuß freizubekommen.
Erneut splitterte es und ein Teil der Decke brach über ihm nieder. Er bekam alles ab. Körner, Klumpen, Scherben, Fliesenstücke und einen Hocker, der ihn mit der Kante seitlich am Kopf traf.
Luke stöhnte und fasste sich ans Ohr. Nach ein paar schweren Atemzügen hustete er und zog das Mikrofon seines Headsets vor seinen Mund. »Leute, könnt ihr mich hören? … Captain?« Er zog das Ohrstück heraus und hielt es in den Schein des Knicklichtes. Das Kommunikationsgerät war entzweigebrochen. In den Rissen schimmerte eine rote Flüssigkeit. Er rieb sich über die Wange und noch mehr Blut klebte an seiner Hand. Es floss seinen Nacken hinab und tränkte den Kragen seiner Uniform.
Hustend kniff er die Augen zusammen und lehnte sich vor. Wieder versuchte er, sich von dem Balken wegzudrücken, der auf seinem Bein lag. Seine Sehnen überdehnten sich und der Schmerz saß auf seinen verzerrten Lippen, während er die Zähne zusammenbiss, aber nicht freikam.
Er ließ sich gegen die Sofalehne fallen und rang nach Atem. »Ich finde einen Weg, Marly. Ich komme zurück zu dir«, murmelte er und schloss die Augen. Die tropische Wärme inmitten des staubigen Gefängnisses raubte ihm den Sauerstoff.
Etwas knackste und die Vitrine kippte zur Seite. Der Wasserstrahl änderte die Richtung und spritzte auf Luke. Er schreckte hoch, japste nach Luft und verschluckte sich. Hustend krümmte er sich nach vorn und hielt sich am Balken fest. Sein Blick fiel auf sein getränktes Hosenbein und er stemmte sich wieder ab. Das Wasser peitschte ihn und betäubte den Schmerz, als er seinen Fuß überstreckte bis ihm das Knie gegen den Brustkorb schlug.
Stöhnend robbte er über die Couch bis er unter den zwei überkreuzten Balken hervorkam. An der Wand stellte er sich auf und versuchte, sich nicht an der fragilen Struktur festzuhalten. Sein linkes Bein gab ihm kaum den Halt, den er brauchte. Er wandte sich zurück zu dem Wohnzimmer, in dem er beschlossen hatte, nicht hinauszurennen und stattdessen die Bombe zu finden. Letztlich hatte sie ihn gefunden. Der Boden qualmte noch immer und nur winzige Lichtspalten rissen durch die Mauer und entblößten den Trümmerhaufen, in dem er gefangen war.
Schwarzer Staub hing in der Luft und kroch Luke durch den Hals, als er seinen Weg entlang der Wand fortsetzte. Nichts war noch ganz. Alles war zersplittert, zerbrochen, eingefallen und kein Fenster, keine Tür nicht einmal ein Loch verblieb ihm, um einen Weg hinauszufinden.
Er war ein paar Meter gehumpelt bis er an der Außenwand einen Kühlschrank fand. Er griff die Klinke und zog daran. Es gelang ihm nicht, die Tür zu öffnen.
Die Balken ächzten. Das Gebäude zitterte. Es konnte sich nicht länger zusammenhalten. Die Decke vibrierte und alles wackelte, als ob das Haus in wenigen Augenblicken zusammenfiel.
Luke lehnte sich gegen die glatte Oberfläche, während er aus seiner Oberschenkeltasche ein Päckchen Sprengstoff holte und mit der Fingerkuppe darüber strich. Dann setzte er die Haftladung an die Mauer, aktivierte sie und humpelte auf die andere Seite des Kühlschrankes. Er fuhr sich über die Stirn und schüttelte den Kopf, als wüsste er, dass er das Dümmste seiner bisherigen Laufbahn tat. Dann drückte er sich die Hand auf die Brust, murmelte Marlys Namen und zündete die Ladung.

 

 Szene im Anschluss zu Lukes Befreiuungsaktion

 Nach mehreren Minuten legte sich der Nebel und entblößte ein Gerippe aus Schutt und Trümmern.
Die Balken des Dachstuhles stachen gegen den Schein der Sonne und ihr Schatten schleppte sich zu den Wagen der Emergency Task Force. Er bildete eine letzte Verbindung zu ihrem verlorenen Kollegen, bis die Rauchwolken den Boden verdunkelten. Zwischen den wachsenden Flammen, dem Ruß und Rauch sowie den Lichtern der Feuerwehrwagen, die zur Löschung des Brandes heranfuhren, schimmerte ein Umriss. Er schwankte entlang der Steinbrocken, sackte zu einer Kugel, erhob sich zu einer Säule und je näher er kam, umso stärker wandelte er sich in eine menschliche Gestalt.
Blinzelnd rieb sich Marly mit dem Ärmel über die Wangen und hustete. Der Dreck fraß sich durch die Luft, in der Steine und Schlamm in einem nebligen Bild verschwammen, aus dem eine Figur heraus trat. Eine Schicht aus Staub, rostbraunen Splittern und kieselweißen Körnern überzog den Mann, der durch das Dämmerlicht in ihre Richtung hinkte.
Marly stemmte sich auf und rannte los. Sie stolperte, stürzte, sprang auf und stürmte weiter, bis sie ungebremst gegen einen Mann prallte und eine Wolke aus Steinmehl aufwirbelte.
Luke stöhnte und kippte einen Schritt zurück. Seine Arme schlossen sich um sie und er drückte sie an sich, als wäre sie alles, für das er bis zum letzten Moment gekämpft hatte.
Ihre Hände tasteten von seiner Hüfte zu Oberarmen, Schultern und Brust. »Ich kann es nicht glauben«, flüsterte sie und streichelte mit den Fingerspitzen sein Gesicht entlang, auf dem sich kohlschwarze Striche mit einem blutigen Streifen kreuzten. »Ich dachte, ich hätte dich verloren.«
»Das wirst du nicht.« Er räusperte sich und der Dreck rieselte von ihm. »Ich habe dir versprochen, auf euch aufzupassen.«
Ihr Daumen fuhr über das Grübchen in seiner Wange und sie sah von seinen geröteten Augen zu seinen Lippen.
Er beugte sich zu ihr und küsste sie, als wäre sie die einzige Wahrheit, die ihn wissen ließ, dass er überlebt hatte.
»Picasso«, unterbrach Hunter.
Luke gab Marly einen zweiten Kuss auf die Stirn und drehte sich zu seinen Teamkollegen, die zu ihnen traten.
»Immer auf den letzten Drücker.« Hunter sprang von einer Steinplatte und umarmte Luke mit einem Schulterklopfen.
»Besser im letzten Augenblick, als nur einen zu spät«, sagte der Captain. »Aber das nächste Mal…«
»Ich weiß«, sagte Luke und hustete. »Ich werde mich ranhalten.«
»Wie geht es dir?«, fragte Gold.
»Gut.« Er umschloss Marlys Hand. »Sehr gut.«
Sie strich sich mit dem Handrücken die Tränen von ihren Wangen. »Du solltest dich von einem Arzt untersuchen lassen.«
Er schüttelte den Kopf und kniff den Mund zusammen. Dann rieb er sich die Schläfe und atmete tief ein. »Das sind nur ein paar Kratzer.«
»Das war keine Bitte.«
»Marly hat Recht, du siehst nicht fit aus«, sagte Gold und deutete zu Lukes Ohr, an dem die Blutspur begann, die ihm über die Wange lief.
Luke nahm die Hand von der Stirn und legte den Arm um Marly. »Gebt mir den einen Moment, das hier zu genießen.«
»Wie ist es dir gelungen, dich zu befreien?«, fragte Hunter. »Alle Eingänge und Fenster waren von Trümmern verbarrikadiert.«
Luke nickte und zwinkerte mehrfach bei der Bewegung. »Ihr habt gesagt, ich soll da raus. Ich dachte, ich könnte den Sprengsatz noch finden und entschärfen.« Er hustete in seine Faust und sah entschuldigend zum Captain. »Vielleicht war es der siebte Sinn, der mich aufhielt zur Tür zu rennen …« Sein Blick schweifte zu dem Trümmerhaufen, den die Feuerwehrmänner mit Schaum besprühten. »Es geschah so schnell. Ein Knall, ein Schlag, und ich lag auf der Couch. Alles war dunkel und ich konnte kaum atmen.«
»Dein Fuß war eingeklemmt?« Mit Golds Frage sanken die Blicke auf Lukes linkes Bein, das er angewinkelt über dem Boden hielt und nicht aufsetzte. »Bevor du uns die Geschichte erzählst, sollte sich ein Arzt um dich kümmern.«
»Nein, die paar Minuten halte ich aus.«
»Was war es?«, fragte Hunter. »Was lag auf dir?«
Luke erzählte seinen Kollegen, wie er sich selbst den Weg nach draußen freigesprengt hatte. Je länger er redete, umso mehr drückte sein Gewicht auf Marly, die sich zu ihm neigte, um ihm den Halt zu geben, den er brauchte.
»Es knallte. Der Kühlschrank prallte gegen mich und riss mich von den Füßen …« Er rieb sich die Stirn. »Für einen Moment war der Weg nach draußen frei. Dann stürzte alles ein.«
»Das war definitiv die verrückteste Aktion der ETF«, sagte Gold.
»Irre und genial«, sagte Hunter.
»Egal, wie man es bezeichnet, wir sind froh, dass du wieder bei uns bist«, sagte der Captain. »Doch jetzt ist es Zeit, dass du dich durchchecken lässt.«
»Wir sind jedenfalls erleichtert, dass es dir soweit gut geht«, sagte Paolini und verabschiedete sich mit einem Lächeln. Officer Gold und Hunter klopften Luke auf die Schulter und folgten ihrer Kollegin zu den Einsatzwagen.
»Los geht’s«, sagte der Captain und wies in die Richtung der Sanitäter, die fünfzig Meter entfernt von ihnen die Rettungsliege aus dem Krankenwagen zogen.
»Ich helfe dir«, sagte Marly und sie liefen auf das Lichtermeer zu, das unter der Wolkendecke an Leuchtkraft zunahm.
»Den Tag hatte ich mir anders vorgestellt«, sagte Luke.
Sie wandte den Blick nicht von ihren Füßen, als sie versuchte, für Luke einen ebenen Weg zwischen den Ziegelsteinen zu finden. »… ist das dein Ernst?«
Er schmunzelte. »Eigentlich wollte ich heute Abend für einen ›Die Bühne und Du‹ Auftritt in den Club kommen.« Er stoppte ein paar Meter vor den Sanitätern und drehte sich zu ihr.
»Du kannst mich ansehen, wie du willst«, sagte sie. »Ab hier haben die Ärzte das Sagen.«
Bevor er zu lächeln begann, schnellten seine Hände in sein Gesicht und er kniff die Augen zusammen.
Die Rettungsassistenten eilten zu ihnen.
»Ich muss zum Dok–«, stotterte er. »Du solltest nicht mitkommen.«
Die Sanitäter stützten Luke an den Ellenbogen.
Marly trat zurück.
Taumelnd wankte er zum Krankenwagen, wo er sich auf die Liege fallen ließ. Immer noch presste er sich die Hände an die Stirn, sodass der Notarzt und die Assistenten gemeinsam seine Arme zurückziehen mussten, um ihn untersuchen zu können.
Hunter stellte sich zu Marly, die an der Stelle stehengeblieben war, wo sie Luke dem Ärzteteam übergeben hatte. »Er wird wieder. Sein Körper verlangt nach dieser Strapaze nur eine Ruhepause.«
»Du meinst, selbst Helden brauchen eine Auszeit?«
»Ja, und Picasso genauso«, scherzte er. »Ich werde nach Dienstschluss im Krankenhaus vorbeischauen oder möchtest du, dass ich ihn begleite?«
Sie sah zum Rettungswagen. »Man kann nicht reiten lernen, wenn man sich nicht auf’s Pferd traut.«
»Ein schlechter Vergleich zu dem, was dir widerfahren ist.«
»Bitte pusch es nicht hoch. Es ist so schon schwer genug mit all den Erinnerungen von damals und jetzt.«
»Soll ich mitkommen?«
»Ich schaffe das. Wie sagt man so schön, es ist nur Kopfsache.«
Er schmunzelte. »Pass auf ihn auf.«
Sie ging zu dem Krankenwagen, wo die Sanitäter die Transportliege, auf der Luke lag, in den Wagen schoben. Sie kletterte mit hinein, setzte sich und starrte auf das weiße Gesicht, aus dem das künstliche Licht jegliche Lebensfarbe sog.

Auszug aus dem Thriller: Der Fedora Attentäter*Der Fedora Attentäter - Actionthriller

 

Die eingeschobene Szene war nicht lang, aber sie reicht, dass der Leser zufrieden die Geschichte weiter verfolgt.

Nichts ist schlimmer, als wenn er sich denkt: Ach menno, da wäre ich zu gern dabei gewesen. Wie er das wohl geschafft hat?

 

Wir müssen unsere Leser unterhalten und ihnen Antworten auf Situationen geben, für die man glaubt, nie eine Lösung zu finden.

 

Natürlich muss in dem Spektrum an Intensität sich nicht jede Szene um Leben und Tod drehen. Auch kleinere Geschehnisse können einen großen Einfluss auf die Neugier deiner Leser haben.

Der Leser ist Beobachter und er freut sich über eine ausgeteilte Ohrfeige genauso als über einen Polizisten, der in einem Schneesturm einem Verdächtigen hinterherjagt.

Hauptsache, er darf auf der Reise deiner Figuren dabei sein. Stell dir vor, wir hätten von dem Zauberer Harry Potter nur in den Nachrichten gehört, ohne je seinen Patronus-Zauber gesehen zu haben; wären nachts nie mit ihm durch die Gänge Hogwarts gewandelt und hätten nie miterlebt, wie er das erste Mal einen Zauberstand in Händen hielt.

 

Es ist etwas Schönes, dabei sein zu dürfen. Gewähre es deinen Lesern.

 

Hast du auch eine Szene im Kopf, die du Angst hast zu schreiben?

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Melanie Naumann ist die erste deutsche zertifizierte Story Grid Lektorin. Sie liebt die Analyse von Geschichten – global betrachtet bis hin zu den Szenen und Beats – und hilft Autoren, eine authentische und charakterstarke Handlung in jeder Art von Setting zu entwickeln. Sie bietet sowohl die Diagnose eines Manuskripts an, als auch wöchentliche Coachinggespräche zwischen Autor und Lektor.

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