Oder präziser schreiben ohne Adverbien


Was machst du bloß mit den unbeugsamen Adverbien?

Heute geht es um deinen Schreibstil, konkret um die Adverbien. Adverbien lieben es, sich im Texten zu tummeln, aber ich denke, wenn du diesen Beitrag gelesen hast, weißt du, dass du sie sparsam einsetzen solltest und dich ihrer Herrschaft nicht beugen. Vor allem solltest du ihnen nur dann gestatten, in dein Texthaus einzuziehen, wenn sie die Bedeutung eines Verbs verändern. Doch zuerst: 

Was ist ein Adverb?

Adverbien (Singular: Adverb) stellen eine eigene Wortart dar. Sie bestehen in der Regel aus nur einem einzigen Wort. 

Stell sie dir wie einen absolutistischen König vor, der sich nicht beugt, sondern aufrecht steht oder sitzt. Ein Adverb kann nicht gebeugt werden, es ist also unveränderlich. Es beschreibt ein Geschehen näher. Aber wie ein König mit seiner Sänfte kann ein Adverb den Platz im Satz wechseln, ohne dass sich der Sinn des Satzes verändert.

Beispiel: 

Wir sehen uns bald. Bald sehen wir uns. 

 

Wie erkennst du ein Adverb? 

Ganz einfach: Stelle W-Fragen und du entdeckt so viele Adverbien, dass du an Spionage denkst. Und wie gute Spione haben die Adverbien sich auch spezialisiert.

Man unterscheidet:

  • Lokaladverb (Ort): Wo? Wohin? Woher? Typische Adverbien des Ortes sind: aufwärts, außen, da, dort, draußen, drinnen, diesseits, fort, herab, hier, hierhin, hinein, hinten, irgendwo, jenseits, links, nebenan, nirgends, oben, oberhalb, rechts, überall, unten, vor.
  • Temporaladverb (Zeit):Wann? Seit wann? Wie lange? Wie oft? Typische Adverbien der Zeit sind: heute, abends, anfangs, bald, bereits, bisher, danach, davor, ehemals, einst, endlich, freitags, früh, gestern, immer, inzwischen, jährlich, jetzt, mittags, morgens, nachts, neulich, nie, nun, oft, regelmäßig, sofort, stets, spät, stündlich, täglich, vorhin, zurzeit.
  • Modaladverb (Art und Weise):Wie? Womit? Auf welche Weise? Typische Adverbien der Art und Weise sind: gerne, so blindlings, gewiss, halbwegs, keinesfalls, keineswegs, manchmal, meinerseits, natürlich, oft, schwerlich, selten, sicher, unbedingt.
  • Kausaladverb (Grund):Wieso? Weshalb? Warum? Wozu? Typische Kausaladverbien sind deshalb, darum, also, dadurch, daraus, darum, dazu, demnach, demzufolge, deshalb, deswegen, folglich, wodurch


Im Volksmund werden Adverbien auch Umstandswörter genannt. Sie schreiben die Umstände einer Tätigkeit, eines Geschehens oder eines Zustands näher.

Im Schreibratgeber: Die 50 Werkzeuge für gutes Schreiben zitiert Roy Peter Clark die Autoren der Jugendbuchreihe Tom Swift von Victor Appleton. Dort wimmelt es mit Ausrufezeichen und Adverbien wie in vielen Kinder- und Jugendbüchern. Hier ein Beispiel aus Tom Swift and His Great Searchlight:

Beispiel: 

„Sieh nur!“, rief Ned plötzlich aus. „Jetzt ist der Agent da! (…) Ich will mit ihm reden!“, erklärte Ned impulsiv.

Meine Lektorats-Kunden wissen, dass ich oft anmerke: nicht so viele Ausrufezeichen! Auch hier hätte das Ausrufezeichen hinter „Sieh hier!“ gereicht. Der Leser weiß dann schon, dass die Jugendlichen aufgeregt sind und er wird diese Spannung spüren. Aber der Autor fügt hier noch mehr hinzu: „er rief“ und „plötzlich“. Immer wieder verwendet er Adverbien, um das Verb zu verstärken. Aber was er nicht macht, ist, die Bedeutung des Verbs zu modifizieren. 

Andere Beispiele für diesen Tom-Swifty-Stil sind z.B.

  • „Ich bin die Königin von England“, sagte sie herrisch. 
  • „Ich habe meine Arbeit verloren“, sagte er niedergeschlagen.
  • „Wer hat Amerika entdeckt?“, fragte sie neugierig. 

Und beim Arbeiten mit Stil im Text arbeiten viele Lektoren auch mit den Autoren so zusammen, dass man gemeinsam schaut: Braucht man dieses Adverb wirklich? Denn oft sind Adverbien überflüssiges Beiwerk. auch wenn sie selbstbewußt, unbeugbar und hochnäsig immer wieder in deinen Text schleichen, und gern die Position wechseln. Schaff also die Adverb-Königsherrschaft ab und schau dir jedes Adverb an, ob du es brauchst. 

Ein Tipp: 

In Dialogen kannst du Adverbien gut nutzen, weil wir sie in der Umgangssprache oft gebrauchen. Im Fließtext sei strenger und entpuppe dich als Verfechter der freien Meinungsäußerung gegenüber der Herrschaft von Gottes Gnaden der Adverbien. 

Adverbien sollen Verben und Adjektive unterstützen und zur Seite stehen, so wie ein guter König sein Volk unterstützen sollte. Aber leider treten sie oft genauso unbeugsam auf wie ein absolutistischer König und sind recht nutzlos. Oft drücken sie nur das aus, was bereits im Satz enthalten ist und dann werden sie überflüssiges Beiwerk, auch wenn sie sich noch so unbeugbar im Text festkrallen.

Lasst uns diese Beispiele anschauen:

  • Die Explosion zerstörte die Villa vollständig.
  • Die Fans hüpften wild vor der singenden Billi Eilish auf und ab.
  • Der Unfall trennte die Hand des Mädchens vollständig ab. 
  • Der Nachbar spähte verstohlen durch die Büsche.

Und so klingt es, wenn du die Adverbien streichst:

  • Die Explosion zerstörte die Villa.
  • Die Fans hüpften vor der singenden Billi Eilish herum.
  • Der Unfall trennte die Hand des Mädchens ab. 
  • Der Nachbar spähte durch die Büsche.

 

Klarer Stil statt Willkür-Herrschaft der Adverbien

Normalerweise sage ich: Weniger ist mehr. Wenn du als Minimalist dich entschließt, weniger zu besitzen, schaffst du Raum im Geldbeutel, in der Wohnung und nützt unserem Planeten. 

Schreibtechnisch gesehen ist weniger oft auch mehr. Es gibt Raum und Luft auf der Buchseite und Platz für Fantasie. Wenn du beim Überarbeiten kürzt, dann schenkt dir das auch Freiheit vom Despotismus und der Unbeugsamkeit und Selbstherrlichkeit der Adverbien. 

Wie empfindest du das? Ich denke, oft verkürzt die Streichung den Satz. Aber sie schärft auch die Bedeutung und gibt dem Verb Platz zum Atmen. Es ist eine Stilfrage, aber zu viele Adverbien zeigen: Hier schreibt ein noch unerfahrener Autor. 

Adverbien, die das Verb nicht modifizieren, sind oft Füllwörter, die niemand mehr braucht. Sie machen deinen Text schwammig. 

Ein Adverb modifiziert ein Verb

Wenn ich sage, dass ein Adverb ein Verb in seiner Bedeutung modifiziert, was meine ich dann?

Schau dir mal diese zwei Sätze an:

Sie lächelte glücklich.

Sie lächelte traurig. 

Genau, das zweite verändert die Bedeutung, denn normalerweise lächeln wir glücklich, aber eben nicht traurig. Im zweiten Satz modifiziert das Adverb das Verb. Es verleiht dem Verb eine neue, tiefere Bedeutung. 

Wieder ein Zitat, das ich bei Roy Clarke befunden habe. Er sagt, dass der Autor Kurt Vonnegut Adverbien so selten benutzt wie die Frequenz eines Halley’schen Kometen. Und Roy musste einige Sätze seines Buches „Das Nudelwerk“ lesen, bevor er eins fand.

„Ich danke Ihnen für Ihre netterweise vorgetäuschte Aufmerksamkeit.“

Merk dir diesen Satz gern für den Abschluss deiner nächsten Rede! Ich danke dir jetzt auch netterweise fürs Mitlesen - aber  ...

Jetzt bist du dran

Bei Adverbien ist es wie bei der Gartenarbeit. Adverbien wuchern wild und hemmungslos wie der Giersch. Jäte und dünne aus, damit deine Wortblumen nicht unter dem Adverbien-Giersch verdeckt werden und ersticken. 

  1. Suche jetzt in deinem Text nach schwachen Adverb-Verb Konstruktionen, die sich durch ein starkes Verb ersetzen lassen: Sie lief hastig die Treppe hinunter Besser: Sie hastete die Treppe hinunter. Er hörte heimlich zu. Besser: Er lauschte.
  2. Suche in der Zeitung oder in einem deiner Texte nach Wörtern mit der Endung -ig oder -ich. Falls es Adverbien sind, dann streiche sie. Lies den Satz laut. Welche Version klingt besser?
  3. Mach es nun bei deinem Text. Kreise die Adverbien ein, streiche sie an und entscheide Satz für Satz, welche Version stärker oder schwächer ist. 
  4. Schau dir deine Adverbien an und markiere die, die das Verb modifizieren, statt es nur zu verstärken. 
  5. Suche jetzt alle schwachen Adverb-Verb-Konstruktion und ersetze sie, wann immer möglich, durch ein starkes Verb.  Er sprach leise kann Er murmelte oder er flüsterte werden.

 

Reich werden wie J.K.Rowling mit Adverbien

Allerdings, ich bin eine ehrliche Haut. Mit Adverbien kann man auch reich werden, so wie die reichste Schriftstellerin der Welt J.K.Rowling. Sie liebt Adverbien, vor allem wenn es um das Sprechen geht. Da häufen sich Umschreibungen wie

  • sagte Hermine schüchtern
  • sagte Hermine lahm
  • sagte er schlicht
  • fragte Hagrid griesgrämig
  • sagte Hagrid verärgert

Klar, in der Kinder- und Jugendliteratur benutzt man generell mehr Adjektive und Adverbien, vor allem bei den jüngeren Lesern. Trotzdem bleibt die Frage: 

Wenn du mehr Geld als die Queen verdienen willst, solltest du vielleicht doch lieber viele Adverbien benutzen und sie wie Aktien im Text anlegen. Wenn du wie ich lieber einfacher lebst, dann setze sie sparsam ein. Doch ehe du dich entscheidest, fertige zwei Versionen deines Textes an. Lies beide Versionen laut und entscheide dann selbst. 

 

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