Wie kann ich besser schreiben lernen?

Das Passiv als strategisches Stilmittel

zuletzt bearbeitet am 04. Dez 2018

veröffentlicht am 25. Jul 2017 von Melanie Naumann

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Passiv vs. Aktiv Teil 3

Das Passiv als strategisches Stilmittel - Passiv vs. Aktiv Teil 3

Das Passiv kann zu einem mächtigen Stilmittel heranwachsen. Es kann Emotionen entlocken, Sachverhalte hervorheben, Identitäten verschleiern, für mehr Spannung sorgen oder einen allgemeinen Einblick in die Geschichte geben.


Inhaltsübersicht

Emotionen

Hervorhebungen

Namen vermeiden oder Namen sind unbekannt

Identität des Verursachers verschleiern

Unbekannter Verursacher

Beschreiben von allgemeinen Gegebenheiten

 

6 Strategien, wie du das Passiv als strategisches Stilmittel einsetzt

Die ersten beiden Teile der Reihe:

Passiv vs. Aktiv Teil 1 - Missverständnisse vermeiden
Passiv vs. Aktiv Teil 2 - Passive Action - keine Action?


Mit all dem, was wir in den vorherigen Artikeln über Passivsätze gesagt haben, können sie, geschickt eingesetzt, einem wichtigen Zweck dienen und die bessere Wahl sein.
Dies gilt für:

 

1. Emotionen

Manchmal kann es der Fall sein, dass der Verursacher / Akteur der Handlung nicht von Interesse ist, mehr jedoch die Person / der Ort oder die Sache, der etwas angetan wird.

In diesem Zusammenhang ist es hilfreich zu wissen, dass das Aktiv als Tätigkeitsform beschrieben wird, und das Passiv als Leideform, denn in der Passivierung können wir Mitgefühl schaffen, indem wir den Fokus darauf legen, was durch eine Aktion geschah, und nicht was / wer sie ausführte.

 

Passivsätze sind demnach ein nützliches Werkzeug, wenn deine Leser eine bestimmte Emotion fühlen sollen, z.B. Mitgefühl:

Die Stadt wurde von einer Flutwelle überschwemmt.

Dadurch, dass wir zuerst von der Stadt erfuhren, und dann erst erzählt bekamen, was mit ihr geschah, empfinden wir mehr Mitgefühl, als im Aktiv:

Die Flutwelle überschwemmte die Stadt.

 

Der obere Passivsatz wirkt.

Er würde die Leser weder langweilen noch sie aus dem Erzähltraum werfen, denn durch die Fokussierung auf die Stadt und dem Schaffen von Mitgefühl wollen sie mehr über den Ort erfahren.

Die Stadt wurde von einer Flutwelle überschwemmt, während im Stadtzentrum der Bürgermeister die Familien zur Einweihung des neuen Spielplatzes begrüßte. Die Kinder tobten über den Sand, rutschten, kletterten und lachten, bis mit einem Rauschen eine zehn Meter hohe Welle durch die Straßen rauschte. Bäume knacksten um, Autos schepperten ineinander und die Eltern rannen zu ihren Kindern, unfähig sie vor den Schlägen des Treibguts zu beschützen.

 

2. Hervorhebungen

Das Letztgenannte in einem Satz sticht hervor.

Wenn es etwas gibt, dass du in deiner Aussage betonen möchtest, dann kannst du es durch die Verwendung des Passivs ans Satzende stellen.

Die Anklage gegen den Serienmörder wurde vom Geschädigten zurückgezogen.

Wow, was ist hier passiert? Eine Wendung, mit der kein Leser gerechnet hätte. Wie kann der Geschädigte, der ermordet wurde, die Anklage zurückgezogen haben?
Das heißt, stellen wir etwas ans Ende und verwenden das Passiv, betonen wir die Person / den Ort / oder die Sache und können den Leser gleichzeitig überraschen.

 

3. Namen vermeiden oder Namen sind unbekannt.

Jane wurde aus dem Tennisclub geworfen.

Wer hat sie herausgeschmissen? Das erfahren wir nicht, und vielleicht wollte der Autor auch noch nicht preisgeben, wer es war. Oder der Autor weiß es selbst nicht.

Deswegen, wenn der Leser nicht wissen soll, wer der Verursacher ist (z.B. in Thriller, Krimis und Suspense Roman), eignen sich Passivierungen am besten.

 

4. Das Passiv nutzen, um die Identität des Verursachers zu verschleiern.

Es kann möglich sein, dass der Verursacher nicht relevant ist. Wenn wir aus der Perspektive von Jane schreiben, die selbst nicht weiß, wer für ihren Rausschmiss verantwortlich ist, ergibt es keinen Sinn eine konkrete Person zu beschreiben. Vor allem nicht, wenn sie keine Rolle im Roman spielen wird oder wenn wir keine Schuldzuweisungen geben wollen:

Der Trainer warf Jane raus.
(oder) Es scheint, dass Jane aus dem Tennisclub geworfen wurde.

Anmerkung:
Vor allem, wer für den Staat, Unternehmen und sonstige Organisationen schreibt, wird öfters Passivsätze verwenden, um möglichen Schuldzuweisungen aus dem Weg zu gehen, denn sie wollen dem eigenen Ansehen nicht schaden:

Bestimmte Sicherheitshinweise wurden flexibler gestaltet, um die Produktionskraft zu erhöhen.
(oder) Der Geschäftsführer lockerte die Sicherheitsbestimmungen, damit er mehr Geld scheffeln konnte.

 

Oder, um die Schuld auf nicht fassbare Themen zu schieben:

Aufgrund der stärkeren Nachfrage wurden bestimmte Sicherheitshinweise flexibler gestaltet, um die Produktionskraft zu erhöhen.

 

Merke dir für deinen Roman, dass du nicht im Interesse von Konzernen oder dem Staat schreibst. Du darfst sagen, was du denkst. Nutze für deine Gedanken die aktive Erzählstimme. Du willst, dass die Leser deinen Worten vertrauen und sie als Reflexion der Realität und / oder der menschlichen Natur erleben.

Die Ausnahme ist, wenn dein Charakter selbst nicht den Schuldigen kennt oder vermeiden will ihn zu beschuldigen, damit der Leser das Limit oder die Persönlichkeit des Erzählers kennenlernen kann, z.B. ›Fehler wurden gemacht‹ oder ›aus dem Dickicht wurde das Vieh auf die Straße getrieben‹.

Beachte: verwende das Passiv nicht, um unnötige und ungenaue Aussagen in deiner Geschichte zu treffen. Es ist schwer ein Bild mit Worten zu malen, wenn man nicht weiß, wer der Akteur ist. Wie gesagt, Details und Klarheit verstärken das Schreiben.

 

5. Unbekannte Verursacher

Eine weitere Möglichkeit Passivierungen zu verwenden, ist, wenn der Verursacher einer Aktion kein bewusstes Wesen ist.

Die Stadt wurde von einer Flutwelle überschwemmt.

Mit dieser Aussage vermeiden wir Schuldzuweisungen, denn Flutwellen sind keine bewussten Kräfte, die eigenständig handeln, sondern sie entstehen natürlich.

 

Dennoch, um den Schreibstil interessanter zu gestalten, können wir unbewusste Kräfte so behandeln, als würden sie die Schuldigen sein:

Die Flutwelle überschwemmte die Stadt.

 

Verallgemeinert gesprochen, mit je mehr Aktivsätzen du deine Geschichte verfasst, umso mehr wirst du die Aufmerksamkeit deines Lesers bannen.

Unter uns Autoren ist es okay, wenn du Sätze schreibst, die eine unbewusste Erscheinung als Akteur darstellen:

Der Wind schleuderte einen Aufsteller auf ihn.

 

Die Leser wissen, dass der Wind nicht absichtlich etwas auf jemanden schleudern kann, aber der Satz klingt einfach besser als:

Ein Aufsteller wurde vom Wind auf ihn geschleudert.

 

Zudem können wir durch die Darstellung von unbewussten Erscheinungen als bewusste Akteure die Persönlichkeit aus der Perspektive des Hauptcharakters oder des Erzählers beschreiben.

Der Wind schleuderte den Aufsteller auf John. Erbarmungslos warf er Stühle und Tische um, schrie John in die Ohren und bestrafte ihn für seine Torheit die Sturmwarnungen ignoriert zu haben.

In diesem Beispiel schreiben wir aus der Perspektive von John, der sich den Wind als einen bewussten Akteur vorstellt, der ihn absichtlich für seine Ignoranz bestraft. Dieser Satz sagt dem Leser, dass John unter Paranoia leiden muss, weil ihn seine Torheit zu einer bestimmten Handlung zwang. Das zeigt, dass er sich selbst als Opfer sieht.

 

6. Beschreiben von allgemeinen Gegebenheiten.

Ereignisse, die vor langer Zeit geschahen oder keine tragende Relevanz für die Geschichte besitzen, müssen nicht im Aktiv geschrieben sein:

Die irischen Klöster wurden von den Wikingern geplündert.

 

Dieser Satz ist klar, weder vage noch unverständlich. Es ist okay, das Passiv zu verwenden, um den geschichtlichen Hintergrund deiner Story zu beschreiben, bevor du die Rolle deines Charakters in dem Drama preisgibst:

Die irischen Klöster wurden von den Wikingern geplündert, doch für Magnorak war jeder Raubzug die Möglichkeit zu den Göttern nach Walhalla zu kehren. Er raubte und mordete, bis sich sein Gesicht mit dem heiligen Blut der Christen bedeckte.

 

Denk daran, dass du das Passiv nicht als Hauptkonstruktion in deinen Sätzen anwenden solltest. Sie sind ein strategisches Stilmittel, um einen bestimmten Zweck zu erreichen. Meist ist es empfehlenswert, dass du einen Satz im Passiv beginnst, ihn aber ins Aktiv übergehen lässt, um wirkungsvollere Bilder im Kopf deiner Leser zu schaffen.

Aber herauszufinden, wann und für was du das Passiv für deine Geschichte nutzen kannst, sitzt in deinen Fingerspitzen.

 

Gern kannst du mir aber eine Nachricht schicken oder hier ein Kommentar hinterlassen.



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