Wenn Figuren in der Krise stecken. (Schlüsselelement 3: Krise)


Warum brauchen wir Krisen in Romanen? Wie stürzen wir unsere Romanfiguren in Dilemmas? Und wie kann man Krisen nutzen, um spannend zu schreiben?

zuletzt bearbeitet am 30. Nov 2021

veröffentlicht am 13. Nov 2021 von Eva Maria Nielsen

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Die Krise für Figuren im Roman (2021)

Die Krise für Figuren im Roman (2021) - Wenn Figuren in der Krise stecken. (Schlüsselelement 3: Krise)


Der Artikel ist Teil der Erkenntnisse des Story Grid.
© Story Grid, Shawn Coyne

 

Und deine Protagonisten stecken nicht nur einmal in der Krise, sondern immer und immer wieder.

Die Krise gehört zu den Schlüsselelementen einer spannenden Story, d. h. wenn man keine Krisen in seinen Kapiteln, Akten oder in der globalen Story für seine Figuren einbaut, dann schlägt der Leser das Buch zu und fasst es nie wieder an.

In diesem Leitfaden erfährst du alles, was du zur Krise wissen musst, um sie erfolgreich in deiner Handlung und für deine Figuren einzusetzen.

 

 

Inhalt des Leitfadens:

  1. Was versteht man unter einer Krise in Geschichten?
  2. Nach welchem Schlüsselelement taucht die Krise auf?
  3. Warum brauchen Geschichten Krisen?
  4. Die Krise im Zusammenhang mit dem Höhepunkt der Geschichte
  5. Was ist die wichtigste Krise in einer Geschichte?
  6. Warum der Leser Krisen liebt und was sie für sein eigenes Leben bedeuten.
  7. Die Krise: Die Entscheidung zwischen zwei Übeln treffen
  8. Die Krise: Die Wahl zwischen zwei positiven Optionen
  9. So schreibst du emotional packende Krisen, die deine Leser fesseln.
  10. Lerne von anderen Büchern deines Genres

 

Eine Krise gleicht einer Weggabelung. Wenn man sich nicht entscheidet, geht die Reise auch nicht weiter.

1. Was versteht man unter einer Krise in Geschichten?

Die Krisen in deinem Roman verursachen Weggabelungen zwischen denen deine Figuren navigieren müssen. Und jede Entscheidung verändert die Route für alle Beteiligten.

Wenn die zentrale Figur in der Szene nicht mit einer Krise konfrontiert wird, wird die Szene höchstwahrscheinlich nirgendwo hinführen und deine Figuren werden sich nicht der Veränderung stellen, die sie brauchen, um sich zu entwickeln.

Um deine Leser dazu zu bringen, sich emotional mit deiner Figur und deiner Geschichte zu identifizieren - und sie somit zu rezensieren, weiterzuempfehlen und die Geschichte durch andere am Leben zu erhalten - musst du verwundbare Figuren zeigen.

Du musst die Leser mit einer großen Krise fesseln, d.h. mit Figuren, welche die Geschichte durch ihr Handeln, Nichthandeln, Erfolge und Misserfolge vorantreiben. Und das klappt nur mit Hilfe von Krisen, welche deine Figuren auf die Probe stellen.

In Geschichten geht es um Veränderung.

Und wie erleben Menschen wahre Veränderung?

Indem sie eine Wahl treffen, wenn sie mit zwei oder mehr Optionen konfrontiert werden.

In Geschichten definieren wir daher die Krise für eine Figur als eine Entscheidung, die sie treffen muss.

Jenes Dilemma muss sich zu einer Frage formen, die eine Wahl zwischen mindestens zwei Optionen darstellt:

  1. Eine beste schlechte Wahl = die Entscheidung zwischen zwei (oder mehr) Übeln treffen, die sie zu einer bestimmten Tat zwingen (wie bei dem "Würdest du lieber...?"-Spiel)
  2. Unvereinbare Dinge = Zwei positive Optionen, die sich nicht miteinander vereinbaren lassen (Soll ich tun, was gut für mich ist, oder gut für jemand anderen?)

 

 

Laut des Story Grids ist die Krise das 3. Schlüsselelement der 5 Gebote des Geschichtenerzählens (1. auslösendes Ereignis, 2. Wendepunkt, 3. Krise, 4. Höhepunkt, 5. Auflösung).

Und du solltest deine Hauptfigur in jeder Einheit deiner Geschichte (Kapitel, Akt, gesamte Story) vor die Wahl stellen. Nur so gelingt es dir, deine Leser von der ersten bis zur letzten Seite an zu fesseln.

Wir wenden uns an Geschichten, um zu lernen, wie wir die schmerzhaften Kreuzungen in unserem eigenen Leben angehen können, um zu erfahren, wie kleine Entscheidungen den Kurs verändern können. 

 

Figuren stürzen in Krisen nachdem ihnen etwas zustößt, mit dem sie nicht gerechnet haben.

2. Nach welchem Schlüsselelement taucht die Krise auf?

In jeder Einheit von Geschichten treten nach dem auslösendem Ereignis Komplikationen auf, denen sich der Protagonist stellen muss. Diese Komplikationen enden in einem unerwarteten Ereignis (Wendepunkt), das die Figur in eine Krise stürzt.

Im Artikel Steigende Komplikationen in deinem Roman (Leitfaden) sprachen wir über die vier Arten von Komplikationen, deren vierte und letzte Komplikationen die Krise bildet.

 

 

Die Krise folgt somit dem Wendepunkt.

Der Wendepunkt trat entweder durch eine direkte Aktion einer Figur ein (oder eines äußeren, nicht von Personen zu steuernden Vorfalls) oder durch eine neue Erkenntnis für die Hauptfigur.

Konfrontiert mit dieser Aktion/Offenbarung wird der Protagonist vor die Wahl gestellt: Soll er sich für A oder B entscheiden?

Diese Entscheidung bestimmt, ob er sich von seinem Ziel (bewusstes und unbewusstes Objekt des Verlangens) entfernt oder diesem näher kommt.

Spannend ist es, wenn die Figur durch ihre Wahl zwar dem einem Ziel näher kommt, sich aber dadurch von dem anderen weiter entfernt (=bewusst vs. unbewusst = was die Figur will vs. dem was sie braucht) – und genau das ist es, was man unter Ironie des Schicksals versteht ;-)

 

Beispiel: Wie Komplikationen in die Krise führen

Wenn Figuren in der Krise stecken - auslösendes EreignisEin Mann macht sich mit zwei Freunden in die Berge auf, um zurück zur Natur zu finden. (Auslösendes Ereignis, kausal)

Während seine Freunde das Camp vorbereiten, geht er Holz sammeln. Da hört er ein Knurren neben sich aus dem Gebüsch. (Komplikation)

Ein ausgewachsener Bär taucht vor ihm auf. (Zweite Komplikation)

Der Mann weicht zurück und rutscht einen Abhang herunter. (Dritte Komplikation, die unumkehrbar ist, weil er nicht mehr den Weg zurückgehen kann, von dem er gekommen war).

Der Mann rollt den Abhang herunter und versucht sich an irgendetwas festzuhalten. Dabei sieht er, dass er direkt auf eine Klippe zusteuert. Eventuell wird er über die Klippe stürzen und er wird fallen, bis er aufschlägt und stirbt. (Eskalation der Komplikation bis an die Grenze der menschlichen Erfahrung)

Er krallt die Hände in die Erde und versucht Halt zu finden, um seinen Rutsch zu stoppen. Er greift eine Wurzel und es gelingt ihm, sich an ihr festzuhalten. Dieses Ergreifen der Wurzel ist ein aktiver Wendepunkt, der den Wert der Szene ändert. (Der Wert wandelt sich vom bevorstehenden Tod zu Leben – die Figur hat durch ihr aktives Eingreifen das Geschehen verändert)

Aber der Bär hat ihn nicht vergessen. Er läuft den Abhang zu ihm hinunter.

Der Mann erkennt weiter unten neben dem Absatz der Klippe ein Kletterseil, das mit einem Haken im Stein verankert ist. Er vermutet, dass dieses Seil ein Kletterer vergaß und er an diesem sicher die Klippe herunterklettern könnte. Diese Offenbarung ist ein zweiter Wendepunkt, der die Chance für sein Überleben bekräftigt.

Diese beiden Wendepunkte in den zwei Beats der Szene (Festhalten an der Wurzel und das Seil sehen) führen die Figur in die Krise.

Soll er die Wurzel loslassen und den Abhang weiter herunterrutschen und versuchen, sich an dem Seil festzuhalten, bevor er über die Klippe hinabstürzt, um dann herunterzuklettern? Wer weiß, ob das Seil überhaupt noch hält?

Oder sollte er bleiben, wo er ist, und darauf hoffen, dass der Bär sich auf dem matschigen Untergrund nicht näher zu ihm traut? Immerhin ist er doch mit seinen zwei Freunden unterwegs, die mittlerweile doch bemerkt haben müssten, dass er nicht mehr da ist?

KRISE (beste, schlechteste Wahl = Was ist das geringere Übel?) Ist nun die Chance größer, dass seine Freunde ihm zur Hilfe kommen und den Bären verjagen, als die Chance, dass er das Seil zu Greifen bekommt und es stabil genug ist, dass er daran hinunterklettern kann?

Diese Frage ist die Krise der Szene.

 

Krisen testen nicht nur die Willensstärke deiner Figuren. Sie zeigen auch ihren wahren Charakter.

3. Warum brauchen Geschichten Krisen?

Wahrscheinlich hast du schon von Show, don’t Tell gehört. Hier geht es darum, dass du dem Leser etwas aktiv zeigst und nicht nur irgendetwas über deine Figuren erzählst oder beschreibst. Denn jegliche Form der Exposition ist letztlich nur eine Behauptungen. Es ist nichts, was der Leser mit den eigenen Augen gesehen hat oder miterblebt hat.

Storyanalyse - Zeige den wahren Charakter einer Figur, indem du sie in eine Krise stürzt und zu einer Entscheidung zwingst. Leser wollen aktiv sehen, wie eine Figur drauf ist. So kann man extrem gut Spannung erzeugen.

Und wie kann man am besten herausfinden, wer jemand in Wahrheit ist? 

Unsere Persönlichkeit definiert sich durch die Entscheidung, welche wir in einer Krise treffen.

Erinnerung: Eine Krise ist nie eine Wahl zwischen gut oder schlecht.

Eine Krise ist immer eine Entscheidung zwischen zwei Alternativen, die sich nicht miteinander vereinbaren lassen ODER es ist eine Entscheidung für das scheinbar geringere Übel zwischen zwei grauenhaften Optionen.

Die Krise ist der ultimative Test, den Willen der Figur auszutesten. Wenn eine Figur in einer Krise steckt, ist es ein Dilemma, das sie daran hindert, ihr bewusstes Ziel zu erreichen. 

Je nachdem für welche Option sich der Protagonist entscheidet, wird die getroffene Wahl dem Leser viel über den Menschen verraten, der dieser Mann ist. Immerhin sind es unsere Taten, die bestimmen, wer wir sind, nicht unsere Worte. Behaupten kann man viel, aber was tun wir, wenn es darauf ankommt? Und auch das Nichtstun ist eine Entscheidung (sh. Mini-Plot)

Unser Handeln bestimmt, wer wir sind.

Spannende Fragen in der Krise sind ein wunderbares Mittel, um deinen Lesern zu zeigen, wer deine Figuren wirklich sind.

Wusstest du, dass sich viele TV-Serien auch den Moment der Krise zunutze machen? Eine spannende Szene zu Ende der Show oder vor der Werbung endet damit, dass die Figur in eine Misere gerät. Diese Krisen sind auch als die sogenannten Cliffhanger bekannt. 

Aber beachte: Setzt man Cliffhanger gekonnt ein, dann beschleunigen sie die Erzählung. Nutzt man sie zu offensichtlich und zu oft, sind sie irritierend und Klischee.

 

Beispiel 'Mann, Bär, Klippe' weitergeführt:

Was tun, wenn Figuren in der Krise stecken - die EntscheidungSollte der Mann am Abhang sich dafür entscheiden, nichts zu tun, sagt das eine Menge über ihn aus:

Er ist davon überzeugt, dass Menschen aufeinander achtgeben – dass seine Freunde sein Verschwinden bemerkten und ihn bereits suchen. Er ist sich seiner Kräfte bewusst und glaubt daran, dass er sich an der Wurzel so lange festhalten kann, bis Hilfe kommt. Aber mit jeder schwindenden Sekunde wird sein Arm tauber und seine Finger kraftloser, sodass die Chance sinkt im Notfall noch das Seil ergreifen zu können.

Sollte sich die Figur jedoch dafür entscheiden, loszulassen um das Seil zu ergreifen, sagt das auch viel über seine Persönlichkeit aus.

Diese Person ist auf sich selbst angewiesen und das so sehr, dass er lieber sein eigenes Leben riskiert als darauf zu vertrauen, dass andere ihn retten kommen. Er weiß, dass jede Sekunde ihm die Kräfte raubt, die er braucht, um das Seil zu ergreifen.

Wie du sehen kannst, sind die beiden Optionen eher ungünstige Möglichkeiten, da jede Wahl mit dem Tod für ihn enden könnte.

Aber die Entscheidung für die bessere schlechte Wahl wird seine Persönlichkeit definieren.

 

Die Entscheidung bestimmt den Charakter einer Figur

Storyanalyse - Figuren können mit ihren Aussagen lügen, aber ihre Aktionen zeigen ihren wahren Charakter.

Diese aktive Wahl ist ein Beispiel, wenn wir von ›Show, don’t tell‹ in Romanen reden.

Eine Figur kann man am besten über ihre Handlungen charakterisieren, nicht über Behauptungen.

Beispiel: John Doe könnte von sich behaupten, er wäre immer für seine Freunde da.

Eines Tages sieht er, wie eine Gang seinen Kumpels zusammenschlägt.

Krise: Soll er seinem Freund helfen und riskieren, selbst verletzt zu werden, ODER soll er zusehen, und die Freundschaft mit seinem Kumpel gefährden?

Was ist die beste, schlechteste Wahl für John Doe in diesem Moment?

Ausgang Wahl 1: Wenn er sich dafür entscheidet, seinem Kumpel zu helfen, weiß der Leser, dass John Doe wirklich einer ist, auf den seine Freunde zählen können.

Ausgang Wahl 2: Wenn John Doe jedoch nichts tut oder sich versteckt, zeichnet diese Aktion ein komplett anderes Bild von ihm.

Figuren können mit ihren Aussagen lügen, aber ihre Aktionen zeigen ihren wahren Charakter.

Wenn John Doe in seiner verzwickten Situation nicht weiß, was er tun soll, dann helfen Geschichten weiter.

Geschichten helfen uns bei unseren Entscheidungen, weil wir durch sie erfahren, welches Verhalten einen positiven Ausgang hat und welche Aktionen eher vermieden werden sollten.

Wusstest du, dass Entscheidungen zwischen zwei Übeln zu unserem Leben gehören? Es gibt kein Schwarz und Weiß. Nicht nur Böse oder Gut. Hat es nie und wird es nie geben. Diese Werte sind die Endpunkte auf einem Spektrum, auf dem sich die Konsequenzen unserer Handlung einordnen.

 

Die finale Krise für deine Figur entscheidet, wie gut die Geschichte beim Leser ankommt. Sie ist ihr ultimativer Test und leitet den Höhepunkt der Story ein.

4. Die Krise im Zusammenhang mit dem Höhepunkt der Geschichte

Robert McKee betont die Bedeutung der Krisenentscheidung, indem er sie als den Moment herausstellt, der nicht nur den wahren Charakter des Protagonisten offenbart, sondern auch den Kernwert der Geschichte. Es ist der ultimative Test des Willens deiner Figur und das Dilemma, dem sie sich stellen muss, um ihr Objekt der Begierde zu erreichen.

Egal, ob wie einen Film schauen oder ein Buch lesen, meist können wir genau den Moment identifizieren, wo die Geschichte ihren Höhepunkt hat.

Sei es, dass Frodo seine letzten Kräfte aktiviert und in den Schicksalsberg geht; sei es, wenn das Paar in einer Liebesgeschichte wieder zusammen findet, oder in einer Actiongeschichte der Böse letztlich doch noch besiegt wird.

Das vielleicht schlimmste Feedback, das man zu einer Geschichte bekommen kann, ist: "Es war enttäuschend."

Der Klimax ist der Höhepunkt der Geschichte, auf den die Leser hinfiebern. Es ist der Moment, den der Autor versprochen hat, als er sie in den Bann gezogen hat. Es ist das Ergebnis der Entscheidung, welche die Figur an einem Scheidepunkt getroffen hat.

Die Krise entscheidet somit, wie gut die Geschichte beim Leser ankommt.Storyanalyse - Die Krise des Höhepunkts der Story Entscheidet, wie gut die Geschichte beim Publikum ankommt.

Beispiel 'Die Tribute von Panem': In dem Augenblick, als Katniss sich freiwillig als Tribut in den Hungerspielen meldet, wissen wir, dass der Höhepunkt sein wird, wenn sie zur Siegerin der Spiele gekürt wird. Dazwischen liegt noch eine Menge Stoff, aber wir blättern immer wieder die Seite um, um diesen Moment zu erleben. Er ist unvermeidlich, aber er muss überraschend sein. Die fortschreitenden Komplikationen müssen sich bis zu einem ultimativen Krisenmoment für Katniss steigern, der sich mit einer Wendung des erwarteten Höhepunkts auszahlt. Je weiter die Geschichte voranschreitet, je mehr wir über Katniss' Persönlichkeit erfahren und je mehr sie eine Beziehung zu Peeta aufbaut, desto größer wird die Spannung. Jetzt ist der Moment so viel kostspieliger, denn sie muss nicht nur töten, um dorthin zu gelangen - sie muss auch Peeta töten, um der alleinige Sieger zu sein.

Aber die Krise zu identifizieren, die dazu geführt hat, ist vielleicht etwas undurchsichtiger.

Sobald es auf Katniss und Peeta hinausläuft (unabhängig davon, ob ihre Liebesgeschichte an diesem Punkt echt ist oder nicht), steht Katniss vor ihrer wahren Prüfung: Wird sie Peeta töten, oder wird sie ihr eigenes Leben geben - oder einen anderen Weg finden? Die fortschreitenden Komplikationen auf dem Weg dorthin haben eine faszinierende Krise geschaffen, die zu einem komplizierteren klimatischen Moment führt.

Der Höhepunkt ist, wenn sie mit das System überlistet, Präsident Snow besonders wütend macht und sich und Peeta rettet.

Ohne diese Krise, wäre der Höhepunkt weniger überraschend gewesen. Auch wenn es die Unausweichlichkeit des Versprechens vom Beginn der Geschichte einhält.

 

Beispiel 'Der Herr der Ringe': Wenn Frodo sich zum Ringträger erklärt, wollen wir den Moment sehen, wie er den Ring in die Feuer des Schicksalsberges wirft. Natürlich liegen sehr viele Ereignisse dazwischen, aber wir lesen weiter, nur um dieses Ende zu erfahren. Das Ende ist unvermeidbar, aber es muss auch überraschend sein (Rolle von Gollum). All die Komplikationen und Hindernisse müssen sich für Frodo so dramatisieren, dass sie auf die ultimative Krise hinleiten. 

 

Wenn dein Held den Ruf des Abenteuers erhält, muss es ein Dilemma für ihn darstellen. Nur so erfährt der Leser, was für die Figur auf dem Spiel steht.

5. Was ist die wichtigste Krise in einer Geschichte?

Wenn du deinen Roman schreibst oder den ersten Entwurf fertig hast, überlege, was für deinen Protagonisten die größte Krise war.

Oder anders ausgedrückt: Welche Frage stach am meisten für ihn heraus, dessen Antwort den gesamten Verlauf der Geschichte beeinflusst hat?

Beispiel: Der Hobbit

Storyanalyse - Hobbithaus von Bilbo Beutlin in NeuseelandDu hast bestimmt den ›Hobbit‹ von J.R.R. Tolkien gelesen oder gesehen?

Eigentlich ist es ein ganz einfaches Setup. Die Hauptfigur ist der Hobbit Bilbo Beutlin, der die Ruhe des Auenlandes liebt. Er mag es, auf seiner Bank zu sitzen und Pfeife zu rauchen. Bilbo hat seinen Platz im Leben akzeptiert und lebt, wie er es für sich als angemessen empfindet.

Gelegentlich geht Bilbo wandern, aber eigentlich lebt er nur so dahin. Jeder Tag geht in den anderen über und Tolkien beschreibt das Leben der Hobbits auf wunderbare Weise, bis er uns ahnen lässt, was geschehen wird.

Das auslösende Ereignis der Fantasy-Action-Geschichte ist die Aufgabe, die dem Held auferlegt wird. Bilbo wird auserwählt, die Zwerge auf ihrer Mission zum Einsamen Berg zu begleiten.

Bilbo wird nicht auserwählt, weil er es verdient. Sondern weil Gandalf ein falsches Bild von Bilbo hatte. Gandalf wählte Bilbo aufgrund des Hobbits aus, der Bilbo in jungen Jahren war - und nicht zu dem er geworden ist.
(Das ist ein Beispiel für ein kausales auslösendes Ereignis, weil eine andere Person für das Ereignis verantwortlich ist.)

Was sind Bilbos Optionen?

Tolkien gab seiner Figur Bilbo eine Möglichkeit, nach der wir uns alle sehnen: Ein Abenteuer, um dem Alltag zu entfliehen.

Aber was ist in der Geschichte ›Der Hobbit‹ denn nun die beste schlechteste Wahl?

Bilbo hat die Gelegenheit seines Lebens bekommen. Eine Chance, von der er als Kind träumte. Was kann daran denn schlecht sein?

Im Gespräch zwischen Bilbo und Gandalf wird erklärt, in welcher Situation sich der Hobbit befindet. Gandalf wirft Bilbo vor, dass er schon zu lange nur rumgesessen hat. Er erinnert sich an einen jungen Hobbit, der erst nachts nach Hause kam und liebend gern herausgefunden hätte, was jenseits der Grenzen des Auenlands liegt. Aber jetzt ist er ein Hobbit, dem sein Geschirr und die Garnitur seiner Mutter viel wichtiger sind und der nur in Büchern und Karten lebt, statt in der richtigen Welt da draußen.

Bilbo steckt in einer Krise. Gandalf kann ihm nicht versprechen, dass er zurückkommen wird. Und wenn, wird er nicht mehr derselbe sein (Perfektes Beispiel für die Heldenreise, in der sich der Held immer vom Anfang zum Ende verändert).

Bilbo muss sich zwischen zwei Übeln entscheiden.

Die erste Wahl wäre, dass er mit den Zwergen reist und sich in Lebensgefahr begibt. Der Drache, der ihm im Einsamen Berg erwartet, kann ihn zu einem Häufchen Asche verwandeln. Falls er es nicht schafft, dem Drachen das Herz des Berges abzunehmen, würde er die Zwerge im Stich lassen. Das ist seine erste Option – sterben und andere enttäuschen.

Die zweite Option scheint gar nicht so schlimm. Er kann ablehnen und Gandalf sagen, dass er sich geehrt fühlt, auserwählt worden zu sein, aber das er nicht für so eine Mission gemacht ist. Es wäre doch keine Schande einen unmöglich zu gewinnenden Kampf abzulehnen? Bilbo könnte im Auenland ruhig weiterleben und seinem Alltag nachgehen. Und er hätte eine aufregende Geschichte, die er den anderen Hobbits erzählen könnte: Wie er Gandalf und den Zwergen eine Absage erteilte. Keiner würde ihm gegen diese Entscheidung etwas vorwerfen können.

Aber zwei Personen würden die letztere Entscheidung als feige ansehen.

Die erste Option (die Mission annehmen) könnte zu seinem körperlichen Tod führen. Aber Bilbo weiß auch, dass die zweite Option sein spiritueller Tod wäre. Er würde es bereuen, seinem jungen Ich diese Chance abzuschlagen.

Was steht für Bilbo auf dem Spiel?

Da es eine Action-Geschichte ist, besteht seine Wahl zwischen den beiden Werten: möglichen bedeutsamen Tod (Option 1) oder Leben aber spiritueller Tod (Option 2)?

Wer den Film gesehen hat, erkennt mit Bilbo, zu was die zweite Option führen wird: Bilbo wacht früh morgens auf. Keiner der Zwerge ist mehr da, auch Gandalf ist verschwunden. Alles ist wieder wie vor dem Besuch der Zwerge. Still. Vollkommene Stille.

Der Leser/Zuschauer weiß in diesem Moment genauso wie Bilbo, was ihn mit der zweiten Option erwarten wird: unbedeutende Leere.

Die beste schlechteste Wahl für Bilbo ist die Reise anzutreten.

Bilbo muss den Zwergen helfen, ihr Zuhause zurückzugewinnen. Wenn er es nicht versucht, könnte er mit sich selbst nicht leben. Er wäre immer nur ein Träumer.

Die Entscheidung mit der besten schlechtesten Wahl leitet im Hobbit die Geschichte ein – die Mission zum Einsamen Berg zu gelangen.

Ohne diese Krise, die den Hobbit zwingt den Ruf des Abenteuers anzunehmen, gäbe es keine Geschichte.

 

Wir wollen Figuren in Krisensituationen sehen, weil wir von ihnen für unser eigenes Leben lernen können.

6. Warum der Leser Krisen liebt und was sie für sein eigenes Leben bedeuten.

Sollte es für deinen Protagonisten jemals einen einfachen Weg aus der Krise geben, dann ist das ein schwerer Fehler und du wirst sofort das Interesse deiner Leser verlieren.

Warum?

Tagein, tagaus, Monat für Monat und Jahr um Jahr treffen wir kleine, mittlere und große Entscheidungen in unserem Leben.

Einfache Entscheidungen treffen wir automatisch, weil sie nicht interessant sind.

Als Leser wollen wir sehen, wie sich Menschen entscheiden, wenn sie mit harten Entscheidungen konfrontiert werden und welche Auswirkungen diese Entscheidungen mit sich bringen.

Keiner kann die Zeit zurückdrehen und die schwierigen Entscheiden ändern, die wir in unserem Leben getroffen haben.

Aus diesem Grund suchen wir in Geschichten nach der Antwort, ob wir die richtige Wahl getroffen haben. Geschichten helfen uns, um einen Leitfaden für unser eigenes Leben zu erhalten, wenn wir uns an bestimmten Abschnitten befinden, wo wir uns entscheiden müssen, welche Richtung wir einschlagen.

Geschichten sind ein Referenzsystem aus Erfahrungen, die uns bei unseren eigenen Dilemmas weiterhelfen.

Entweder finden wir Bestätigung (wir haben uns richtig entschieden) oder falls wir einen Fehler gemacht haben, erleben wir die Erfahrung, wenn wir uns für einen anderen Kurs entschieden hätten. Und das ohne Risiko. Manchmal finden wir auch neuen Mut oder sehen den Weg, den wir einschlagen sollten.

Figuren erfahren Veränderung, indem sie eine Entscheidung treffen müssen, wenn sie vor einer Wahl stehen.

Sie werden konfrontiert mit der Frage: Was gut für mich ist, ist nicht gleichzeitig gut für jemand Anderen, sowie welches Übel ist weniger schlecht für mich?

Und all die kleinen Entscheidungen zusammen zeigen uns in Geschichten auf, wohin sie in ihrer Gesamtheit führen können (positives oder negatives Ende).

Der Treibstoff, der den Leser in der Geschichte hält, sind die verschiedenen Krisen für den Protagonisten und die Frage, was die Konsequenzen seiner Entscheidung sein werden. Klick um zu tweeten

 

Die beste schlechteste Wahl ist eine Entscheidung zwischen zwei Übeln. Nur was ist das geringere Übel?

7. Die Krise: Die Entscheidung zwischen zwei Übeln treffen

Was ist die beste schlechteste Wahl für deinen Protagonisten, wenn er in der Krise steckt?

Um eine Geschichte voranzubringen, muss der Protagonist immer wieder Entscheidungen treffen. Diese Entscheidungen sind die Antworten auf die Momente der Krise, in denen der Protagonist eine von zwei Fragen beantworten muss.

Zunächst möchte ich dir eine simple Frage stellen:

Was wäre dir lieber?

Einen Schneeanzug in der Sahara tragen oder nackt in der Antarktis sein?

Diese beiden Möglichkeiten haben nichts Gutes an sich. Beide Alternativen könnten mit dem Tod enden – dem Hitzetod oder dem Kältetod.

Gleichzeitig ist diese Frage das beste Beispiel für eine Krise, in der man die beste schlechteste Wahl treffen muss.

Beste Schlechteste Wahl: Lieber nackt in der Antarktis oder mit Schneeanzug in der Wüste?

 

Das geringere Übel finden

Wenn wir einmal in einer Krise stecken, müssen wir uns fragen: Was ist das geringere Übel für mich?

Dieselbe Frage stellen sich deine Protagonisten – immer und immer wieder.

Wir Menschen laufen auf Hardware, die über zwei Millionen Jahre alt ist. Unsere Körper sind darauf ausgerichtet, dass wir Energie sparen. Vor allem weil der Mensch früher immer in Gefahr lebte. Säbelzahntiger wollten einen essen, man wusste nicht, wann man als Nächstes etwas zu essen findet ... man musste seine Energie also sparen, um den Kampf des Überlebens zu gewinnen.

Auch heute sind die meisten Menschen vom Verhalten nicht anders. Wir wollen unsere Energiereserven nicht ausschöpfen.

Wenn sich der Protagonist also in einer Krise befindet, wird er sich für die Option entscheiden, von der es das geringere Übel erwartet. (Je nachdem, inwieweit sich deine Figur in der Geschichte bereits entwickelt hat, kann die Figur auch bis in den Tod kämpfen und alle Energie für ein höheres Gut verbrennen.)

Beispiel: In einer Ehe ist es ein ungeschriebenes Gesetz, das man den anderen nicht betrügt. Wenn man heiratet, entscheidet man sich für ein Leben in Monogamie.

Zwei Politiker in hohen Positionen entschieden sich dafür, ihre Frauen zu betrügen. Einer mit einer Prostituierten und der andere über’s Internet.
Und das nicht nur einmal, sondern mehrmals!

Beide wurden sie erwischt.

Einer entschied sich eine Pressekonferenz abzuhalten, seinen Fehler zuzugeben und von seinem Amt zurückzutreten, während der andere sein Fehlverhalten abstritt, anderen die Schuld gab und letztlich doch überführt wurde. Der Zweite belog nicht nur seine Frau, sondern auch die ganze Welt.

Beide Männer mussten sich der besten, schlechtesten Wahl stellen: Entweder eine Charakterschwäche eingestehen und die Konsequenzen akzeptieren oder lügen und darauf hoffen, mit der Lüge durchzukommen.

Mit wem hat man wohl mehr Sympathie?

Wahrscheinlich hat man mehr Nachsicht mit dem Ersten als mit dem Zweiten.

Wie gesagt, die Entscheidungen, die unsere Figuren treffen, offenbaren ihren wahren Charakter.

 

Eine Krise kann auch aus der Wahl zwischen positiven Optionen entstehen. Nur leider lassen sie sich nicht miteinander kombinieren.

8. Die Krise: Die Wahl zwischen zwei positiven Optionen

Wenn du darüber nachdenkst, in welche Krisen du deinen Protagonisten fallen lässt, dann bringe ihn auch mit positiven Optionen an den Rand der Verzweiflung

Wenn deine Figur in einer Krise steckt, muss es sich nicht immer um eine Entscheidung zwischen zwei Übeln handeln. Es kann auch geschehen, dass deine Figur vor einer positiven Wahl steht.

Natürlich klingt es erstmal gut, sich zwischen zwei tollen Dingen entscheiden zu dürfen. Egal, was man wählt, es wird super sein.

Aber Geschichten brauchen Konflikte.

Wenn dein Protagonist vor der Wahl zwischen zwei positiven Möglichkeiten steht, dann ist es in der Geschichte Bedingung, dass diese beiden guten Optionen nicht miteinander vereinbar sind.

Sonst würde diese Entscheidung ja auch keine Krise für den Protagonisten bedeuten und demzufolge keinen Konflikt mit sich bringen.

Ist denn jedes 'gut' genauso gut wie ein anderes 'gut'?

Nein, ist es nicht.

Das Schlüsselwort ist ›unvereinbar‹.

Wählt man eine Sache, schließt es die andere aus.

Und was für jemand Anderen gut ist, ist nicht gleich gut für mich. Was gut für mich ist, nimmt jemand Anderes unterschiedlich wahr.

Beispiel: Kramer vs. Kramer

Storyanalyse - Konflikte und Krisen in Romanen. Wie kann man Figuren in die Krise stürzen?Wenn du lernen willst, wie man Entscheidungen zwischen zwei positiven Möglichkeiten am besten umsetzt, dann solltest du dir diesen Film ansehen.
Dieser Film handelt fast nur von Krisen, die in einer Entscheidung zwischen zwei positiven Optionen liegen.

Meryl Streep spielt Frau Kramer. Sie hält es mit ihrem Mann nicht mehr aus und muss eine Entscheidung treffen. Eine Entscheidung, die viel einfacher wäre, hätten sie nicht einen vierjährigen Jungen zusammen.

Die erste Krise ist eine Entscheidung zwischen zwei Übeln für sie: Ist es, schlimmer bei ihrem Ehemann zu bleiben (ein selbstverliebter Typ, der sich kaum um sie kümmert und noch weniger die Existenz ihres gemeinsamen Sohnes wahrnimmt) bis ihr Sohn erwachsen ist, ODER ist es schlimmer, sich selbst zu verleugnen.

Sie entscheidet sich, dass sie gehen muss.

Zweite Entscheidung: Soll sie ihren Jungen mitnehmen?
Sie ist ein emotionales Wrack, das keine Ahnung hat, wie es weitergeht. Wäre es also nicht besser, den Jungen bei seinem Vater zu lassen, bis sie ihr Leben wieder in den Griff bekommen hat?
Sie glaubt, den Jungen beim Vater zu lassen, ist das geringere Übel.

Die Frau ist weg. Und Kramer steht mit seinem Sohn nun allein da. Eine Reihe von Entscheidungen stehen ihm bevor, die jeweils in ihren Möglichkeiten nicht miteinander vereinbar sind.

Was heißt das konkret für diesen Film?

Kramer kann eine Nanny einstellen und weiter seine Karriere verfolgen. Oder er kann sich mehr um seinen Sohn kümmern, ihn zum Kindergarten bringen, essen kochen, Dinge beibringen und ihm Geschichten vorlesen.

Eine Nanny würde für Kramer’s Karriere super sein – und auch für seinen Sohn. Kramer’s harte Arbeit wird sich auszahlen. Er wird mehr verdienen und mit diesem Geld kann er seinem Sohn Dinge bieten, von denen er selbst als Kind nur träumte. Außerdem wäre Kramer ein gutes Vorbild für seinen Sohn: Harte Arbeit rentiert sich. Also konzentriere dich auf deine Karriere.

Aber braucht sein Sohn mit vier Jahren diese Art von Vorbild?

Würde er nicht einfach am liebsten seine Mama und seinen Papa um sich haben, wenn er sich die Knie aufschrammt?

Die andere Option für Kramer wäre es, seinen Karriereaufstieg nicht weiter zu verfolgen. Er müsste sich einen schlechter bezahlten Job suchen. Dafür hätte er mehr Zeit, um seinen Sohn das Zeichnen beizubringen oder ihn zurechtzuweisen, wenn er andere Kinder ärgert – nur um sich dann zusammen mit ihm bei dem anderen Kind entschuldigen zu gehen.

Auch das wäre eine gute Wahl.

Sein Sohn würde von ihm lernen, dass Geld nicht alles im Leben ist. Familie ist wichtiger als Karriere.

 

Wenn du also darüber nachdenkst, in welche Krisen du deinen Protagonisten fallen lässt, dann bringe ihn auch mit positiven Optionen an den Rand der Verzweiflung.

Die Essenz ist: Nicht alles, was wir im Leben wollen oder erreichen wollen, lässt sich miteinander kombinieren.

Diese Botschaft ist sehr wichtig und wird deine Leser ansprechen.

Im Fall von Kramer vs. Kramer war die Botschaft so stark, dass man heutzutage viele Väter mit ihren Kindern auf Spielplätzen sieht.

Geschichten verändern Menschen.

 

Die Entscheidungen der Figur sollten sich zunehmend erschweren. An einem Punkt sind die Konsequenzen irreversibel.

9. So schreibst du emotional packende Krisen, die deine Leser fesseln.

Die Krise gehört zu den fünf Schlüsselelementen von jeder Einheit einer Geschichte.

Außerdem ist die Krise die Möglichkeit, um den Leser so richtig am Haken zu packen.

Sobald eine Figur in einem Dilemma steckt, will man wissen, für welche Option sich diese Figur entscheidet. Und man will beobachten, was die Konsequenzen dieser Entscheidung sind.

Die Frage: "Wie geht es weiter?" bringt den Leser dazu, weiterzulesen.

Krisen sind wie ein Weg, der sich in zwei unterschiedliche Richtungen aufteilt.

Und diese Zwei-Wege-Optionen bauen die gesamte Geschichte auf und befinden sich in jeder einzelnen Szene. So kannst du spannend erzählen und einen echten Pageturner schaffen! 

So gesehen setzt sich eine Geschichte aus einer Aneinanderreihung von Entscheidungen(!) für einen bestimmten Wegabschnitt ein. Der Protagonist muss sich also immer wieder entscheiden: geht er links oder geht er rechts, während er sein bewusstes Ziel verfolgt. Dabei sind diese beiden Optionen entweder eine Entscheidung zwischen der besten, schlechtesten Wahl (z.B. links lauert der Hai und rechts der Tiger) oder eine Entscheidung zwischen zwei positiven Optionen, die nicht miteinander kombinierbar sind (z.B. links liegt ein Baby, dass meine Hilfe braucht = gut für das Baby; oder rechts: ich treffe auf meinen Traummann = gut für mich).

Wer schon mal das Gefühl gehabt hat, dass eine Szene zu nichts führte, der hat wahrscheinlich vergessen, ein Dilemma für seine Figur in die entsprechende Szene einzubauen.

Wenn es in der Szene keine Krise gibt und die Figur sich nicht entscheiden muss, dann bleibt die Figur auf der Stelle stehen. Es geht nicht weiter.

In Geschichten geht es in den Szenen immer erst weiter, wenn sich die Figur bei jeder Weggabelung für eine Richtung entschieden hat.

Tipp: Jede Wegkreuzung bringt nicht nur die Geschichte voran, sondern auch deine Hauptfigur in ihrer eigenen inneren Entwicklung. Mit jeder Krise wächst die Figur an ihren Herausforderungen, an den Dilemmas und Konsequenzen, die sich aus jeder Entscheidung ergeben. Denn wenn man mit Konsequenzen klarkommen muss, hinterfragt man immer den Prozess, der dazu führte. Sprich, man überdenkt seine Entscheidungen und lernt daraus. Es ist gut, wenn sich deine Figuren nicht immer richtig entscheiden. Das macht sie umso menschlicher. Und je stärker eine Figur von Perfektion entfernt ist, umso höher ist das Potenzial im Verlauf der Geschichte zu wachsen, indem sie aus den eigenen Fehlern lernt.

 

Die Optionen der Krise dürfen nicht einfach sein.

Aber natürlich können sie auch nicht alle denselben Level besitzen. Es kann nicht immer eine Frage von Leben und Tod sein, aber die Entscheidung muss für die beste schlechteste Wahl sein oder für ein Gut, das nicht mit einem zweiten vereinbar ist.

Es ist die Eskalation der Krisen (Entscheidungen, die auf einer Skala der Irreversibilität anwachsen) – die den Wert erhöhen, der auf dem Spiel steht.

Tipp: Solltest du also mal eine Schreibblockade haben, dann betrachte die Effektivität deiner Krisen. Vergrößern sie sich von wichtig (aber umkehrbar) zu lebensverändernd und nicht mehr umkehrbar? Wenn Krisen banal sind, so spiegelt sich das auch in der Geschichte wieder.

 

Um spannende Krisen zu schaffen, beantworte folgende Fragen für deinen Roman:

1. Was ist dein GENRE? Welche Art von Geschichte erzählst du?

Wenn du dein Genre kennst, weißt du auch auf welchen Höhepunkt deine Story zusteuern muss. Dieser "Höhepunkt" wird von den jeweiligen Pflichtszenen bestimmt, die das Story Grid für jedes Genre definiert. Mit Hilfe dieser Szene kannst du auch auf die Krise zurückschließen, die zu diesem unvermeidlichen und doch überraschenden Höhepunkt führt. 

Beispiel:

In Actiongeschichten erwarten wir die Szene, wo sich der Held in der Gnade des Schurken befindet. (Stirb Langsam: John McClane sitzt am Stuhl gefesselt dem Schurken Hans Gruber gegenüber) Die Krise ist die Frage, wie der Held den Antagonisten überwältigen soll zusammen mit der Frage, was auf dem Spiel steht.

In einer Performance-Story wollen wir den großen Auftritt sehen, auf den die Titelfigur hingearbeitet hat. (Rocky: Der Kampf gegen Apolloe Creed. Für Rocky ist die Krise die Frage, ob er nach der 14. Runde weiterkämpfen will oder nicht. Er ist stark verletzt und Mickey will den Kampf abbrechen.)

 

2. Was sind die Objekte des Verlangens für deinen Protagonisten? Was will er und was braucht er wirklich?

Was ein Protagonist will und braucht, ist nicht dasselbe.

Denken wir nur an den Angeber im wahren Leben. Er will unbedingt einen Ferrari fahren, um die Frauen zu begeistern. Aber wenn er einen Ferrari hat, ist er dennoch nicht glücklich. Was er eigentlich brauchte, war soziale Anerkennung – sei es von Familie, Freunden oder anderen Personen. Er hat also versucht, dass was er innerlich braucht, mit einem materiellen Statussymbol zu ersetzen.

Wenn wir einen Roman schreiben, müssen wir wissen, was unser Protagonist will. Die Hauptfigur braucht ein bewusstes Ziel, nach dem sie strebt. Andernfalls ist die Geschichte langweilig, weil ohne Willen kein Antrieb besteht. Was hält den Leser in einer Geschichte, wo es um nichts geht? Wo nicht etabliert wird, wofür der Protagonist kämpfen will/muss?

Die Krisen in deiner Geschichte sollten sich daher um diese beiden starken Bedürfnisse drehen.

Ein Protagonist hat ein äußeres, bewusstes Ziel nach dem er strebt. Aber innerlich braucht er etwas ganz anderes, um entweder seinen moralischen Kompass zu finden, seine Weltanschauung zu ändern, oder einen besseren Status zu erlangen.

Doch zumeist fordert das unbewusste Bedürfnis die Figur heraus und zwingt sie eine Entscheidung zu treffen oder zu handeln.

Beispiel:

Gladiator: Maximus will in sein normales Familienleben (Jenseits) zurückkehren, aber er muss der ehrenhafte Sohn von Marcus Aurelius sein. Und Commodus will Macht, aber er braucht Bewunderung, die weit außerhalb der Reichweite seines Wesens liegt.

Brokeback Mountain: Das Paar will authentische, hingebungsvolle Liebe und Bindung. Aber dafür müssen sie ihre Angst überwinden und sich der Gefahr stellen, sich öffentlich zueinander zu bekennen.

Wonder Woman: Diana will den Krieg für immer beenden und die Menschen vor Ares, dem Gott des Krieges, retten. Aber Diana muss ein besseres Verständnis für die Welt entwickeln und lernen, dass sie Ares nicht überwältigen kann, indem sie ihre Wut kanalisiert und Gewalt anwendet.

 

3. Welche Taten braucht deine Figur, um zu beweisen, wer er/sie zu sein behauptet?

Beispiel 'Die Tribute von Panem'

Was wir - und das Kapitol - über Katniss wissen, ist, dass sie bereit ist, sich für jemanden, den sie liebt, zu opfern.

Sie hat es schon einmal getan, als sie Prims Platz als Tribut einnahm.

Aber die Frage ist: Kann sie mit sich selbst leben, wenn sie jemanden tötet, der ihr vertraut und schwächer ist als sie (Peeta ist zu diesem Zeitpunkt verletzt), um nach Hause zu kommen? Immerhin war es ihr ursprünglicher Instinkt, es lebend zu schaffen. Diese beiden Werte kämpfen in Katniss Inneren gegeneinander und sie muss eine Lösung finden.

Eine wichtige Unterscheidung hier: Das auslösende Ereignis, das zur Krise führt, kann kausal (eine Handlung einer Figur) oder zufällig (Handlung außerhalb ihrer Kontrolle; z.B. das Wetter) sein - aber der Höhepunkt ist immer eine Entscheidung in Reaktion auf die Ereignisse in der Szene.

Die Krise ist also die Frage, wie man auf Ereignisse innerhalb oder außerhalb seiner Kontrolle reagiert.

Die Hungerspiele sind eine Realität in Katniss' Leben; aus jedem Distrikt werden immer 2 Anwärter ausgewählt.

Am Ende muss es einen Sieger geben. Aber wenn der dritte Mann, der noch steht, getötet wird, hat Katniss als eine von zweien, die übrig bleiben, ein Mitspracherecht, wie es endet.

 

4. Welche Konfliktebenen gibt es in dieser Szene? 

Um ein Buch zu schreiben, muss man wissen, welche Arten von Konflikten existieren.

Es gibt den inneren Konflikt (= der Kampf in einem jeden Selbst), den zwischenmenschlichen Konflikt (= Konflikte zwischen mehreren Personen) oder den Gesellschaftskonflikt [Probleme mit der Gesellschaft(-sordnung)]. In jeder Szene muss es einen dieser Konflikte oder eine Kombination von zweien oder allen geben.

Im hintergrund eine einzelne Hand, die aus dem Wasser ragt. Darüber steht: Wenn es keine Krise in der Szene gibt, dann muss sich die Figur für nichts entscheiden, da nichts auf dem Spiel steht. Das bedeutet, dass die Geschichte auf der Stelle stehen bleibt, weil einfach nichts passiert. Die Konsequenz: Langeweile beim Leser.Merke dir: Ohne Konflikte gibt es keine Hindernisse für deinen Protagonisten. Ohne Komplikationen stürzt deine Figur in keine Krise. Und wenn es keine Krise in der Szene gibt, dann muss sich die Figur für nichts entscheiden, da nichts auf dem Spiel steht. Das bedeutet, dass die Geschichte auf der Stelle stehen bleibt, weil einfach nichts passiert. Die Konsequenz: Langeweile beim Leser.

Denke daran, dass es in Geschichten wie im wahren Leben ist: Man kann es nicht jedem recht machen. Konflikte sind daher eine prima Art um die eigenen Gewissensbisse,die Erwartung anderer, Trugschlüsse, Konsequenzen aus vorherigen Entscheidungen und Unsicherheiten auf mehreren Ebenen darzustellen.

Erfahre in diesem Artikel mehr über Konflikte: Konflikte für Figuren schaffen.

 

5. Was führt vom Anfang über den mittleren Teil der Geschichte zu ihrem Ende?

Jeder globale Part deiner Geschichte (Anfang, Mitte, Ende) muss über eine Krise verfügen.

Des Weiteren ist zu beachten, dass sich Krisen für deinen Protagonisten verschlimmern müssen.

Die Komplikationen, Krisen und Konsequenzen wachsen in ihrer Intensität an - das heißt, der Protagonist kann seine Meinung nicht ändern und einfach die Flinte ins Korn werfen. Er muss weitermachen, selbst wenn es unmöglich erscheint.  Es muss so viel auf dem Spiel stehen, dass es für deinen Protagonisten kein Zurück mehr gibt.

In ihrer Konsequenz dürfen die Entscheidungen im Laufe der Geschichte nicht mehr rückgängig gemacht werden können. 

Achte darauf, dass du die zwei Arten von Krisen wechselst: Mal steht deine Figur vor einer besten, schlechtesten Wahl und dann wieder zwischen einer Entscheidung für zwei Dinge, die unvereinbar sind.

Natürlich muss nicht jede Entscheidung schwerwiegende Konsequenzen mit sich bringen und sich auch nicht immer um Leben und Tod drehen. ES gibt auch subtilere Entscheidungen wie 'Tun vs. Nichtsttun' oder 'Schweigen oder Beichten'. 

Doch je mehr du auf die Mitte deines Romans zusteuerst, umso mehr müssen diese Krisen zu Entscheidungen führen, die deine Figur nicht rückgängig machen kann.

Stell dir nur vor, Frodo hätte plötzlich keine Lust mehr gehabt, Ringträger zu sein, und hätte das olle Ding einfach weggeworfen. Ab einem Punkt gibt es kein Zurück mehr.

Oder Katniss hätte sich für Prim als Tribut gemeldet, aber dann einen Rückzieher machen wollen. Es hätte nicht geklappt. Ihre Entscheidung für ihre Schwester an den Hungerspielen teilzunehmen war irreversibel. 

Die Wahl von Prim als Tribut ist wie ein Schlag gegen den Solarplexus. Katniss muss sich entscheiden, wie sie Prim retten soll. Dieses Dilemma ist ein "Entscheidung zwischen zwei Übeln"-Krise. Obwohl es viele Möglichkeiten gibt, die Katniss hätte ergreifen können, um ihre Schwester zu retten, so ist doch die einzig richtige Option, einen Ersatz für Prim zu finden oder ihre Schwester in den fast sicheren Tod gehen zu lassen. In dieser Szene werden Katniss' ursprünglichste Werte gegeneinander ausgespielt: Die eigene Sicherheit vs. die Liebe zu ihrer Schwester.

Irreversible Entscheidungen deiner Figuren fesseln deine Leser. Denn sie wollen wissen, wie deine Figuren mit der Verantwortung umgehen, die sie sich selbst oder die sie von anderen auferlegt bekommen haben.

 

6. Was ist der ultimative Test der Willenstärke deines Protagonisten?

Die ultimative Herausforderung für deinen Protagonisten muss natürlich am Ende stattfinden. Dazu gehört, dass sich deine Hauptfigur in einer mächtigen globalen Krise befindet, deren Entscheidung zu dem Höhepunkt des Romans führen wird.

Diese Krise muss ein schwerwiegendes Dilemma für die Figur darstellen, das sich aus den vorangegangenen Aktionen der Figur ergibt. Diese Krise ist der große Test, der die Werte des Protagonisten für sein Objekt der Begierde prüft. Der Wille des Protagonisten wird also extrem herausgefordert.

Robert McKee sagt, dass dies ein echtes Dilemma der tatsächlichen möglichen Handlungen der Figur sein muss = der ultimative Test ihrer Werte für ihr Objekt der Begierde.

"In der Krise wird die Willenskraft des Protagonisten am stärksten getestet."

Beispiel 'Die Tribute von Panem – Mockingjay': Wem kann Katniss vertrauen, Präsident Snow oder Präsident Coin? In diesen letzten Szenen steigert sich die Spannung, als Katniss sich darauf vorbereitet, den Verräter hinzurichten. Der Höhepunkt ist, wenn sie selbst entscheidet, wer der wahre Verräter in der gesamten Verschwörung ist, und ihren Schuss abfeuert.

 

Hier noch einmal die wichtigsten Punkte zusammengefasst, wie du deine Leser mit Hilfe der Szenen deines Romans fesseln kannst:

  1. Jede Einheit von Geschichten braucht eine Krise, um die Handlung und die Figuren voranzubringen.
  2. Krisen sind notwendig, damit der Leser von den Dilemmas gefesselt wird, denen sich die Figuren stellen müssen.
  3. Krisen sind wie eine Weggabelung. Es gibt immer nur eine Entscheidung = eine Richtung, in die man gehen kann.
  4. Geschichten helfen uns in unserem eigenen Leben, weil wir sehen können, wohin Entscheidungen führen (positive oder negative Konsequenzen, und wie man sich diesen Konsequenzen stellen kann)
  5. die Krise vom Anfang der Geschichte muss am Ende aufgelöst werden. Und das in einer Art, die den Leser überrascht.

 

Finde die Krisenmomente in anderen Geschichten. So kannst du am besten lernen, wie du sie in deiner Story einsetzen kannst.

10. Lerne von anderen Büchern deines Genres

1. Lies (oder schaue) mehrere Klassiker deines Genres. Mache dir Notizen zu deinen Lieblingsszenen, wähle ein paar vom Anfang, 3-4 aus der Mitte und ein paar vom Ende.

2. Fülle für jede der Geschichten eine Foolscap-Seite aus. Was ist das externe Genre? Was ist das interne Genre? Was sind die Objekte der Begierde für jedes Genre? Mit diesen Antworten versuchst du, die KRISE des Protagonisten (oder der Hauptfiguren) für die gesamte Geschichte und für jeden Akt zu identifizieren.

3. Gehe zurück zu deinen ausgewählten Szenen. Schreibe die Entscheidungen auf, welche die Figuren in diesen Szenen getroffen haben. Wenn es schwer zu erkennen ist, identifiziere den Höhepunkt der Szene und gehe von dort aus zurück. Was hat den großen Moment in diesem Teil der Geschichte ausgelöst? Das kann etwas so winziges sein wie eine überraschende Antwort in einem Gespräch oder etwas so intensives wie eine Figur, die eine geladene Waffe aufhebt.

 

Hast du Fragen zur Krise oder diesem Artikel? Teile es mir in den Kommentaren mit. Danke.



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Melanie Naumann ist die erste zertifizierte deutsche Story Grid Lektorin. Sie ist die Gründerin von Storyanalyse.de und gab die Leitung von Storyanalyse im Dezember 2021 an die Geschichtenhebamme Eva Maria Nielsen ab. Melanie arbeitet seither vorwiegend mit Songwritern zusammen, um ihnen zu helfen, die Power of Storytelling für ihre Songtexte zu nutzen.

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