Wie schreibe ich ein Buch?

Die Krise und die beste schlechteste Wahl

zuletzt bearbeitet am 02. Jan 2019

veröffentlicht am 21. Jan 2018 von Melanie Naumann

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Die Entscheidung zwischen zwei Übeln treffen

Die Krise und die beste schlechteste Wahl - Die Entscheidung zwischen zwei Übeln treffen

Warum brauchen wir Krisen in Romanen? Wie schreibt man sie? Und wie stellt man zwei Übel gegeneinander auf?


 Was ist die beste schlechteste Wahl für deinen Protagonisten, wenn er in der Krise steckt?

Um eine Geschichte voranzubringen, muss der Protagonist immer wieder Entscheidungen treffen. Diese Entscheidungen sind die Antworten auf die Momente der Krise, in denen der Protagonist eine von zwei Fragen beantworten muss.

Aber warum brauchen wir Krisen in Romanen? Wie schreibt man sie? Und wie stellt man zwei negative Alternativen gegeneinander auf?
In diesem Beitrag erfährst du, wie man Figuren so richtig in die Misere stürzt.

 

Zunächst möchte ich dir eine simple Frage stellen:

Was wäre dir lieber?

Einen Schneeanzug in der Sahara tragen oder nackt in der Antarktis sein?

Diese beiden Möglichkeiten haben nichts Gutes an sich. Beide Alternativen könnten mit dem Tod enden – dem Hitzetod oder dem Kältetod.

Gleichzeitig ist diese Frage das beste Beispiel für eine Krise, in der man die beste schlechteste Wahl treffen muss.

Beste Schlechteste Wahl: Lieber nackt in der Antarktis oder mit Schneeanzug in der Wüste?

 

Die Krise: Das geringere Übel finden

Wenn wir einmal in einer Krise stecken (die Krise ist immer eine Frage), müssen wir uns fragen: Was ist das geringere Übel für mich?

Dieselbe Frage stellen sich deine Protagonisten – immer und immer wieder.

Wir Menschen laufen auf Hardware, die über zwei Millionen Jahre alt ist. Unsere Körper sind darauf ausgerichtet, dass wir Energie sparen. Vor allem weil der Mensch früher immer in Gefahr lebte. Säbelzahntiger wollten einen essen, man wusste nicht, wann man als Nächstes etwas zu essen findet ... man musste seine Energie also sparen, um den Kampf des Überlebens zu gewinnen.

Auch heute sind die meisten Menschen vom Verhalten nicht anders. Wir wollen unsere Energiereserven nicht ausschöpfen.

Wenn sich der Protagonist also in einer Krise befindet, wird er sich für die Option entscheiden, von der es das geringere Übel erwartet. (Je nachdem, inwieweit sich deine Figur in der Geschichte bereits entwickelt hat, kann die Figur auch bis in den Tod kämpfen und alle Energie für ein höheres Gut verbrennen.)

 

Die Entscheidung bestimmt den Charakter

Storyanalyse - Figuren können mit ihren Aussagen lügen, aber ihre Aktionen zeigen ihren wahren Charakter.

Die Wahl, welche wir und unsere Protagonisten treffen, bestimmt den Charakter. Diese aktive Wahl ist ein Beispiel, wenn wir von ›Show, don’t tell‹ in Romanen reden.

Eine Figur kann man am besten über ihre Handlungen charakterisieren, nicht über Behauptungen.

Beispiel: John Doe könnte von sich behaupten, er wäre immer für seine Freunde da.

Eines Tages sieht er, wie eine Gang seinen Kumpels zusammenschlägt.

Krise: Soll er seinem Freund helfen und riskieren, selbst verletzt zu werden, ODER soll er zusehen, und die Freundschaft mit seinem Kumpel gefährden?

Was ist die beste, schlechteste Wahl für John Doe in diesem Moment?

Ausgang Wahl 1: Wenn er sich dafür entscheidet, seinem Kumpel zu helfen, weiß der Leser, dass John Doe wirklich einer ist, auf den seine Freunde zählen können.

Ausgang Wahl 2: Wenn John Doe jedoch nichts tut oder sich versteckt, zeichnet diese Aktion ein komplett anderes Bild von ihm.

 

Figuren können mit ihren Aussagen lügen, aber ihre Aktionen zeigen ihren wahren Charakter.

Wenn John Doe in seiner verzwickten Situation nicht weiß, was er tun soll, dann helfen Geschichten weiter.

Geschichten helfen uns bei unseren Entscheidungen, weil wir durch sie erfahren, welches Verhalten einen positiven Ausgang hat und welche Aktionen eher vermieden werden sollten.

Entscheidungen zwischen zwei Übeln gehören zu unserem Leben. Es gibt kein Schwarz und Weiß. Nicht nur Böse oder Gut. Hat es nie und wird es nie geben. Diese Werte sind die Endpunkte auf einem Spektrum, auf dem sich die Konsequenzen unserer Handlung einordnen.

 

Was ist die größte Krise des Romans?

Wenn du deinen Roman schreibst oder den ersten Entwurf fertig hast, überlege, was für deinen Protagonisten die größte Krise war.

Oder anders ausgedrückt: Welche Frage stach am meisten für ihn heraus, dessen Antwort den gesamten Verlauf der Geschichte beeinflusst hat?

Ein Beispiel: Der Hobbit

Storyanalyse - Hobbithaus von Bilbo Beutlin in NeuseelandDu hast bestimmt den ›Hobbit‹ von J.R.R. Tolkien gelesen oder gesehen?

Eigentlich ist es ein ganz einfaches Setup. Die Hauptfigur ist der Hobbit Bilbo Beutlin, der die Ruhe des Auenlandes liebt. Er mag es, auf seiner Bank zu sitzen und Pfeife zu rauchen. Bilbo hat seinen Platz im Leben akzeptiert und lebt, wie er es für sich als angemessen empfindet.

Gelegentlich geht Bilbo wandern, aber eigentlich treibt er nur so dahin. Jeder Tag geht in den anderen über und Tolkien beschreibt das Leben der Hobbits auf wunderbare Weise, bis er uns ahnen lässt, was geschehen wird.

Das auslösende Ereignis der Fantasy-Action-Geschichte ist die Aufgabe, die der Held auferlegt bekommt. Bilbo wird auserwählt, den Zwergen auf ihrer Mission zum Einsamen Berg zu begleiten.

Bilbo wird nicht auserwählt, weil er es verdient. Sondern weil Gandalf ein falsches Bild von Bilbo hatte. Gandalf wählte Bilbo aufgrund des Hobbits, der er in jungen Jahren war, nicht des Hobbits, zu dem er geworden ist.
(Das ist ein Beispiel für ein kausales auslösendes Ereignis, weil eine andere Person für das Ereignis verantwortlich ist.)

 

Was sind Bilbos Optionen?

Tolkien gab seiner Figur Bilbo eine Möglichkeit, nach der wir uns alle sehnen: Ein Abenteuer, um dem Alltag zu entfliehen.

Aber was ist in der Geschichte ›Der Hobbit‹ denn nun die beste schlechteste Wahl?

Bilbo hat die Gelegenheit seines Lebens bekommen. Eine Chance, von der er als Kind träumte. Was kann daran denn schlecht sein?

Im Gespräch zwischen Bilbo und Gandalf wird erklärt, in welcher Situation sich der Hobbit befindet. Gandalf wirft Bilbo vor, dass er schon zu lange nur rumgesessen hat. Er erinnert sich an einen jungen Hobbit, der erst nachts nach Hause kam und liebend gern herausgefunden hätte, was jenseits der Grenzen des Auenlands liegt. Aber jetzt ist er ein Hobbit, dem sein Geschirr und die Garnitur seiner Mutter viel wichtiger sind und der nur in Büchern und Karten lebt, statt in der richtigen Welt da draußen.

Bilbo steckt in einer Krise. Gandalf kann ihm nicht versprechen, dass er zurückkommen wird. Und wenn, wird er nicht mehr derselbe sein (Perfektes Beispiel für die Heldenreise, in der sich der Held immer vom Anfang zum Ende verändert).

 

Bilbo muss sich zwischen zwei Übeln entscheiden.

Die erste Wahl wäre, dass er mit den Zwergen reist und sich in Lebensgefahr begibt. Der Drache, der ihm im Einsamen Berg erwartet, kann ihn zu einem Häufchen Asche verwandeln. Falls er es nicht schafft, dem Drachen das Herz des Berges abzunehmen, würde er die Zwerge im Stich lassen. Das ist seine erste Option – sterben und andere enttäuschen.

Die zweite Option scheint gar nicht so schlimm. Er kann ablehnen und Gandalf sagen, dass er sich geehrt fühlt, auserwählt worden zu sein, aber das er nicht für so eine Mission gemacht ist. Es wäre doch keine Schande einen unmöglich zu gewinnenden Kampf abzulehnen? Bilbo könnte im Auenland ruhig weiterleben und seinem Alltag nachgehen. Und er hätte eine aufregende Geschichte, die er den anderen Hobbits erzählen könnte: Wie er Gandalf und den Zwergen eine Absage erteilte. Keiner würde ihm gegen diese Entscheidung etwas vorwerfen können.

Aber zwei Personen würden die letztere Entscheidung als feige ansehen.

Die erste Option (die Mission annehmen) könnte zu seinem körperlichen Tod führen. Aber Bilbo weiß auch, dass die zweite Option sein spiritueller Tod wäre. Er würde es bereuen, seinem jungen Ich diese Chance abzuschlagen.

 

Was steht für Bilbo auf dem Spiel?

Da es eine Action-Geschichte ist, besteht seine Wahl zwischen den beiden Werten: Tod (Option 1) oder Leben (Option 2)?

Wer den Film gesehen hat, erkennt mit Bilbo, zu was die zweite Option führen wird: Bilbo wacht früh morgens auf. Keiner der Zwerge ist mehr da, auch Gandalf ist verschwunden. Alles ist wieder wie vor dem Besuch der Zwerge. Still. Vollkommene Stille.

Der Leser/Zuschauer weiß in diesem Moment genauso wie Bilbo, was ihn mit der zweiten Option erwarten wird: unbedeutende Leere.

Die beste schlechteste Wahl für Bilbo ist die Reise anzutreten.

Bilbo muss den Zwergen helfen, ihr Zuhause zurückzugewinnen. Wenn er es nicht versucht, könnte er mit sich selbst nicht leben. Er wäre immer nur ein Träumer.

Die Entscheidung mit der besten schlechtesten Wahl leitet im Hobbit die Geschichte ein – die Mission zum Einsamen Berg zu gelangen.

 

Hier noch ein weiteres Beispiel zur besten, schlechtesten Wahl.

In einer Ehe ist es ein ungeschriebenes Gesetz, das man den anderen nicht betrügt. Wenn man heiratet, entscheidet man sich für ein Leben in Monogamie.

Zwei Politiker in hohen Positionen entschieden sich dafür, ihre Frauen zu betrügen. Einer mit einer Prostituierten und der andere über’s Internet.
Und das nicht nur einmal, sondern mehrmals!

Beide wurden sie erwischt.

Einer entschied sich eine Pressekonferenz abzuhalten, seinen Fehler zuzugeben und von seinem Amt zurückzutreten, während der andere sein Fehlverhalten abstritt, anderen die Schuld gab und letztlich doch überführt wurde. Der Zweite belog nicht nur seine Frau, sondern auch die ganze Welt.

Beide Männer mussten sich der besten, schlechtesten Wahl stellen: Entweder eine Charakterschwäche eingestehen und die Konsequenzen akzeptieren oder lügen und darauf hoffen, mit der Lüge durchzukommen.

Mit wem hat man wohl mehr Sympathie?

Wahrscheinlich hat man mehr Nachsicht mit dem Ersten als mit dem Zweiten.

 

Wie gesagt, die Entscheidungen, die unsere Figuren treffen, offenbaren ihren wahren Charakter.

 

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Melanie Naumann ist die erste deutsche zertifizierte Story Grid Lektorin. Sie liebt die Analyse von Geschichten – global betrachtet bis hin zu den Szenen und Beats – und hilft Autoren, ihren besten Roman zu schreiben. Sie bietet sowohl die Diagnose eines Manuskripts an, als auch wöchentliche Coachinganrufe zwischen Autor und Lektor.

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