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Was ist ein Wendepunkt in einer Geschichte? (Tipps)

zuletzt bearbeitet am 22. Mai 2019

veröffentlicht am 22. Jun 2018 von Melanie Naumann

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Wendepunkt und Plot Points in Geschichten

Was ist ein Wendepunkt in einer Geschichte? (Tipps) - Wendepunkt und Plot Points in Geschichten

Ohne klar definierte und überraschende Wendepunkte wird der Leser das Interesse an der Geschichte verlieren. Finde heraus, warum.


Inhaltsübersicht

 

Der Wendepunkt ist der Moment, wenn eine neue Information ans Licht kommt und der Protagonist zu einer Handlung gezwungen wird.

 

Was sind Wendepunkte?

Wendepunkte folgen den steigenden Komplikationen und definieren sich als die letzte Komplikation, wo am meisten auf dem Spiel steht.

Ein Wendepunkt bezeichnet die Lücke, die aus der Gegensätzlichkeit zwischen: »Was erwartet der Protagonist, was passiert« und »Was wirklich passiert« entsteht.

Sie sind die Entscheidungen, die ein Autor trifft, die in die Krise überleiten. Die Krise stellt immer eine Frage dar: Eine Entscheidung zwischen der besten schlechtesten Wahl oder zwei positiven, nicht miteinander vereinbarungsfähigen Möglichkeiten.

Wie zuvor erwähnt, kann man einen Wendepunkt entweder durch eine Aktion der Figur hervorrufen oder durch eine Offenbarung.

Eine der besten Möglichkeiten um herauszufinden, ob deine Szene funktioniert, ist es den Punkt zu lokalisieren, wo sich der Ist-Zustand verändert. Das ist meist die Stelle, wenn etwas unerwartetes geschieht.

 

Wendepunkte auf großem Level

Ein Beispiel wäre eine Szene in einem Liebesroman, in der sich der Protagonist mit seiner Verabredung in einem Restaurant trifft. Der Leser erwartet hier eine typische Kennenlernszene. Wer kann mit was überzeugen; wie verstellen sie sich, nur um den anderen zu beeindrucken; wer lacht an welchen Stellen, obwohl sie nicht lustig sind; etc.

Wendepunkte in Geschichten, Büchern und RomanenSind diese Szenen innovativ geschrieben, erfreut sich der Leser an der Situation der Figuren, weil sie ihm vertraut vorkommt und er so hautnah dabei sein kann.

Doch die Szene funktioniert nicht, wenn sie mit dem Wert abschließt, mit dem sie begonnen hat. D.h. wenn sie positiv beginnt (sie treffen sich: Freude), kann sie nicht positiv enden (Freude, dass sie sich getroffen haben).

Sie kann entweder doppelpositiv enden (eine Steigerung der Ausgangslage zum Doppelpositiven z.B. Intimität), sie kann negativ (Streit) oder doppelnegativ (Hass / Lebensgefahr ...) enden.

Damit sich die Szene drehen kann, brauchen wir einen Wendepunkt – den Punkt, wo etwas Unerwartetes geschieht oder etwas preisgegeben wird, auf das der Protagonist reagieren muss.

Eine Offenbarung wäre, wenn der Protagonist im Gespräch herausfindet, dass sein Date verheiratet ist.
Eine Aktion wäre, wenn der Ehemann des Dates im Restaurant erscheint und den Protagonisten vom Stuhl wirft.

 

In beiden Fällen ergibt sich für den Protagonisten eine neue Situation, auf die er reagieren muss.

Es ist der Moment vor der Krise.

Die Krise ist dann die Frage, für was er sich von den bestehenden Möglichkeiten entscheiden soll.

Bei der Offenbarung könnte die Krise sein: Soll er zu der Person werden, die eine Verheiratete verführt, oder soll er moralisch klug und uneigennützig handeln, und das Date abbrechen? Lässt er sich auf sie ein, handelt er gegen seine Moral. Lässt er sich nicht auf sie ein, wird er allein sein. Welche beste schlechteste Wahl soll er treffen?

Bei der Aktion mit dem Ehemann, der ihm vom Stuhl reißt, kann er sich entweder dazu entscheiden, in eine Prügelei einzusteigen, Verletzungen zu riskieren und aus dem Restaurant geschmissen zu werden, oder er kann sich rausreden, dass es nur ein geschäftliches Treffen sei, und lügen.

 

In beiden oben genannten Fällen (Offenbarung und Aktion) hat sich die Szene komplett gewendet. Sie verlief in eine klar definierte Richtung (das gegenseitige Kennenlernen mit dem Wunsch auf Initmität), bis die Aktion / Offenbarung die Szene herumdrehte.

Die Aktion des gegenseitigen Kennenlernens bei einem gemütlichen Essen hat sich also zum Negativen gewandelt. Der Leser wird hier durch die Kehrtwende der Szene gepackt und erfreut sich der neuen, unerwarteten Wendung, weil er wissen will, wie der Protagonist reagieren wird.

Dies kann natürlich auch (wenn wir bei einem Liebesroman bleiben) an anderer Stelle geschehen. Es kann der Höhepunkt des Romans sein, der dazu führt, dass sich die Liebenden trennen und in den Schlussteil der Geschichte führt, der die große Frage beantworten muss: Werden sie wieder zusammenkommen oder nicht.

 

Wendepunkte auf kleinem Level

Wendepunkt durch Aktion: Die Figur ergreift die Initiative.

Eine Figur unternimmt etwas, was die Umstände verändert.

Je länger man sich darin schult, auf die Momente zu achten, wo sich eine Szene dreht, umso mehr wird man auch die kleineren Anzeichen wahrnehmen lernen.

Nicht jede Szene wendet sich durch eine Explosion, das überraschende Auftauchen einer Person, einer Naturgewalt, etc. Es gibt auch subtilere Möglichkeiten, einen Wendepunkt einzubringen.

Beispiel: The Way we Were

Stell dir vor, deine Protagonistin läuft abends von der Arbeit nach Hause. Auf der gegenüberliegenden Seite sieht sie ihre heimliche Liebe in einem Café sitzen, dem das Glück immer in die Hände zu fallen scheint, während sie für alles hart arbeiten muss. Sie zwingt sich, ihn zu ignorieren, weiterzulaufen und sich auf das zu konzentrieren, was sie erreichen will. Doch sie stolpert. Daraufhin ruft er sie zu sich und sie überquert die Straße. Er ist ein wenig angetrunken und ist ehrlich mit ihr. Er erzählt ihr Dinge über sich, die niemanden beeindrucken würde, außer genau sie.

Nach einem gemeinsamen Glas Wein, sagt sie, dass sie gehen muss.

Er steht mit ihr auf und geht zu ihr. Jeder erwartet, dass er sie küssen würde.
Doch stattdessen kniet er sich nieder und bindet ihre Schnürsenkel zu. Er sagt: "Du schaffst das."

 

Diese Szene wandelt durch die Aktion der männlichen Figur.

Die Aktion ist: Anstatt ihr zu sagen, wie er fühlt, weicht er aus und bindet Ihre Schuhe zu. Er lässt sie ihren Weg gehen und die Kämpfe austragen, die er selbst vielleicht zu ängstlich ist zu kämpfen.

 

Wendepunkt durch Offenbarung: Eine Information wird enthüllt, welche die Umstände verändert.

Solltest du bereits einmal den Satz gehört haben: »Nutze Exposition als Waffe«, dann bezieht man sich auf diese Art von Wendepunkt. Der Autor setzt hier sein göttliches Wissen über die Geschichte, Hintergründe oder andere nützliche Information ein, um durch Konflikt einen offenbarenden Wendepunkt zu erschaffen, der zu einer Krise führt. Nützlich ist es bei einer Offenbarung so, dass weder der Leser noch der Protagonist die neue Erkenntnis erahnen können.

Abwechslung zwischen Aktions- und Offenbarungswendepunkten kann deiner Geschichte mehr Spannung geben.

Merke dir einfach: Wenn der Leser erwartet, dass du nach links abbiegst, gehe rechts, und umgedreht.

 

Beispiel: Chinatown

Jack Nicholson spielt Jake Gittes. Er muss den Mord eines reichen Mannes untersuchen. Er besucht das Haus des Opfers und trifft nach der Vernehmung der Witwe den Gärtner, der in einem Zierteich das Gras herausfischt. Gittes starrt auf das Wasser und der Gärtner glaubt, er würde nun verhört werden und sagt: "Schlecht für das Glas."

Gittes ist perplex und sieht zu ihm.

"Salzwasserm schlecht für das Glas."

Der Gärtner fischt daraufhin eine zerbrochene Brille heraus, die Gittes gesehen hatte.

Diese Szene wandelt sich durch zwei scheinbar unwichtige Offenbarungen (Salzwasser, Brille des Toten), die später die Schlüsselfaktoren zum Lösen des Falls sind. Gittes wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass das Opfer ertrunken ist.

 

Die Art der Wendepunkte muss sich abwechseln

Die einzigen beiden Wege, dass sich eine Szene wandelt, geschieht durch die Handlung einer Figur oder durch Offenbarung.

Beim überarbeiten sollte man jede Szene genau untersuchen und den Punkt herausfinden, wo sich die Szene dreht und durch welche der beiden Möglichkeiten es geschehen ist.

Sollte es immer nur Offenbarung, Offenbarung, Offenbarung, Offenbarung, Aktion, Offenbarung sein, wird der Leser frustriert sein, weil es wie in einer Seifenoper immer mehr neue Informationen gibt. Vor allem, wenn man eine Action-Geschichte schreibt, erwartet der Leser, dass die Figuren zu Handlungen gezwungen werden.

Natürlich sollte man auch nicht jeden Wendepunkt als Aktion haben, denn dann kann die Geschichte zu stark durchgeplant wirken und nicht mehr real, dass der Leser sich in diese Welt hineinversetzen kann.

 

Um Abwechslung in die Geschichte zu bringen und den Leser mitzureißen, sollte man sich die Wendepunkte in den Taktschlägen, Szenen, Sequenzen und Akten ansehen. Wenn Akt 1 sich durch eine Aktion wandelt, sollte Akt 2 eine Offenbarung sein, und umgedreht.

Diese anlytische Vorgehensweise hilft, die Probleme in Geschichten zu finden. Wenn jemand sagt: "Irgendetwas war in deiner Geschichte nicht richtig", kann es ein Problem mit den Wendepunkten sein. Um das herauszufinden, muss man versuchen, die Probleme der eigenen Geschichte herauszufinden.

Diese Analyse ist in meinen Lektoratsangeboten mit enthalten. Entweder über ein Coaching oder ein Lektorat nach dem Story Grid.

Um Wendepunkte zu verstehen, muss man das Konzept von den Werten der Geschichte kennen.

 

Der Wendepunkt an einem einfachen Beispiel erklärt:

Ausgangssituation: Ich sitze im Park und der Wind reißt mir eine Eintrittskarte aus der Hand, genau von dem Konzert, auf das ich mich schon Monate gefreut habe.

Mein Ziel: Die Karte wiederzubekommen.

Komplikation 1: Was würde passieren, wenn ich aufspringe und mich in der Picknickdecke verheddere und auf die Wiese falle?
Durch diese erste Komplikation werde ich am Erreichen meines Ziels gehindert. Mein Fuß, der sich in der Picknickdecke verfangen hat, wird somit zu einem Hindernis, das ich überwinden muss, um das Konzertticket zu erreichen.
Ich schaffe es. Ich habe somit ein Hindernis auf meiner Reise überwunden, um das Ticket wiederzubekommen.

Komplikation 2: Dann laufe ich weiter und nur auf das Ticket sehend, renne ich auf eine Straße und werde nur knapp von einem Auto verfehlt.
Betrachten wir diesen zweiten Vorfall aus der Sicht von steigenden Komplikationen, dann war dieser Vorfall sogar noch gefährlicher, weil es immer schwieriger wird, an das Ticket zu kommen. Ein Aufprall gegen den Wagen hätte mich fast von meinem Weg abkommen lassen.

Wendepunkt: Dann will ich weiterrennen, doch ich höre ein Baby weinen.

Genau das ist der Wendepunkt meiner: »Ich fange das Ticket wieder ein«-Szene. Denn es ist der Moment, direkt vor der Krise.
Etwas unerwartetes geschieht. Im nächsten Moment entscheide ich, dass es wichtiger ist, dem weinenden Baby zu helfen, als das Ticket zu bekommen.

Wenn das Baby mit Schreien anfängt, ändert es die Szene. Und der Wert der Szene ändert sich von »geleitet« zu »fehlgeleitet«, weil ich von meinem Ziel abkomme.
Denn wenn das Baby schreit, wandelt sich mein Fokus und eröffnet die Frage der Krise: Helfen oder Ticket fangen.

 

Geschichten handeln von Veränderung.

Selbst in den Taktschlägen gibt es die kleinen Nuancen des Wandels, die in ihrer Gesamtheit und mit der zunehmenden Größe der Einheiten von Geschichten sich zu einer gravierenden Kraft entwickeln.

Die Natur des Wandels ist jedoch nicht beliebig, sondern sie bezieht sich auf das menschliche Bedürfnis, das wir mit unserem Genre definieren (Romance: Liebe vs. Hass, Krimi: Gerechtigkeit vs. Ungerechtigkeit; Action: Leben vs. Tod, etc.). Diese zwei gegensätzlichen Pole bilden den Wertwandel, der auf dem Spiel steht.

Bitte bedenke: So wie sich Szenen verändern, hat diese Veränderung Einfluss auf den Wandel der gesamten Geschichte.

 

Was ist ein Wertwandel?

Ein Wertwandel tritt dann auf, wenn sich ein Zustand durch ein Ereignis oder eine Erfahrung verändert.

Ein einfaches Beispiel:

Bevor es regnet (Ereignis), ist der Boden trocken (Zustand). Nachdem es geregnet hat, ist der Boden feucht. Dieses Beispiel bezieht sich auf einen Wertwandel der Umwelt, der von einem natürlichen Ereignis verändert wurde. Dasselbe Ereignis kann auch einen Wertwandel in einer Figur hervorrufen: Der Regen kann sich in Hoffnung wandeln, wenn der Protagonist z.B. eine Farm besitzt, die von einer Dürrezeit bedroht wird.

Ein Beispiel auf den Menschen bezogen:

Vor dem Trinken (Ereignis), ist eine Person durstig (Zustand). Nach dem Trinken ist die Person erfrischt. Dieser kleine Wertwandel kann je nach den Umständen, in denen sich eine Person befindet, einen großen Einfluss haben. Sollte die Figur seit mehreren Tagen nichts getrunken haben, kann sich der Wertwandel von möglichem Tod zurück zum Leben wandeln.

Ein Beispiel im Zusammenhang mit der Szene einer Geschichte:

Bevor ein Mann eine potenzielle Freundin findet (Ereignis und Erfahrung), fühlt er sich allein (Zustand). Doch nachdem sie zusammengekommen sind (zumindest temporär), fühlt er Verbundenheit. Dieselbe Szene kann in ihrem Wertwandel von Ignoranz (wenn sich die beiden noch nicht kennen) zu Anziehung (wenn sie sich mögen) verlaufen. Im Verlauf einer Liebesgeschichte kann das Paar von Ignoranz bis hin zu einer festen Bindung kommen.

Es gibt auch Veränderungen, die sich von den beiden gegensätzlichen Polen eines Genres unterscheiden.
In einem Krimi verändert sich bei der Szene »Die Entdeckung der Leiche« der Wert von Leben zu Tod, während ein Krimi den Wandel zwischen »Gerechtigkeit vs. Ungerechtigkeit« behandelt. Dennoch sind diese zwei Werte miteinander verwandt.

 

Wendepunkte beeinflussen auch den Leser

Gut durchdachte Wendepunkte bringen den Leser dazu, die Geschichte weiterlesen zu wollen und sie durch ihre eigenen emotionalen Zyklen zu erleben. Wir haben gesagt, dass ein Wendepunkt die Lücke zwischen Erwartung und Wirklichkeit bezeichnet. Der Leser wird sich fragen, wie sich diese Lücke ergeben konnte. Er wird die Informationen überdenken, die er bereits über die Figuren und Ereignisse erhalten hat, und feststellen, dass sich sein Einblick in die vergangenen Geschehnisse vergrößert.

Bestes Beispiel für einen Wendepunkt durch Offenbarung ist George Lucas gelungen, als Darth Vader Luke Skywalker gesteht, wer sein Vater ist. Eine Offenbarung, die bereits seit dem Anfang des Films vorbereitet wurde.


Auch im realen Leben ist es so:

Es gibt Momente im eigenen Leben, da werden die Hindernisse so übermächtig groß, dass sie uns in eine Krise zwingen?



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Melanie Naumann ist die erste deutsche zertifizierte Story Grid Lektorin. Sie liebt die Analyse von Geschichten – global betrachtet bis hin zu den Szenen und Beats – und hilft Autoren, eine authentische und charakterstarke Handlung in jeder Art von Setting zu entwickeln. Sie bietet sowohl die Diagnose eines Manuskripts an, als auch wöchentliche Coachinggespräche zwischen Autor und Lektor.

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