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Analysen

Der Fedora Attentäter

Szenenanalyse zu einer Szene aus einem Thriller

Lerne mit Hilfe von Beispielen, wie man bessere Szenen schreibt. In diesem Artikel nutzen wir den Thriller 'Der Fedora Attentäter' als Beispiel.

 

Der Fedora Attentäter - Szenenanalyse zu einer Szene aus einem Thriller

06. Mär 2019 0

So geht's:

Egal, ob Song oder Szene, ich werde immer die folgenden Fragen zu dem jeweiligen Beispiel beantworten:

  • Für wen hat sich die Szene am stärksten gewandelt?
  • Wie hat sich die Szene vom Anfang zum Ende gewandelt?
  • Was ist das auslösende Ereignis der Szene?
  • Was ist eine steigende Komplikation in der Szene?
  • Was ist der Wendepunkt der Szene?
  • Was ist die Krise der Szene?
  • Was ist der Höhepunkt der Szene?
  • Was ist die Auflösung der Szene?

 

Versuche diese Fragen selbst zu beantworten, bevor du meine Antworten liest. Je mehr du selbst trainierst, umso besser werden auch deine eigene Szenen.

P.S. Unterschiedliche Auffassungen können existieren.

Der Fedora Attentäter

Analyse einer Szene aus einem Roman: Der Fedora Attentäter

Auszug aus dem Thriller: Der Fedora Attentäter von Melanie Naumann. (Link ist Amazon Affiliate Link)

Ein Klirren aus dem Erdgeschoss ließ Marly zusammenzucken.
Die Eingangstür schlug gegen die Wand. Die Holzdielen knarrten, ächzend unter dem Gewicht, das auf ihnen lastete.
Marlys Blick raste durch das Atelier, das sich zwischen den Dachschrägen im ersten Stock befand. Nur ein Schreibtisch, eine Couch, eine Staffelei und zwei Gitarren gehörten zu den Einrichtungsgegenständen. Es fehlte an Schränken, an Decken und Gardinen, an allen Dingen, wo sie sich verstecken könnte.
Ein Stockwerk tiefer zerbrachen Vasen.
Schubladen rumsten.
Geschirr schepperte.
Marly schob das Fenster am Giebel auf, der in Richtung Zufahrt zeigte, und setzte den Fuß auf das Vordach der Veranda. Dann hielt sie sich am Rahmen fest und zog sich auf das Fensterbrett. Bevor sie auf das Dach stieg, hielt sie inne.
Die Hütte hüllte sich in Schweigen. Nichts krachte, platzte, prallte oder knallte mehr. Nur die Blätter des gegenüberliegenden Nussbaumes raschelten, als ein Eichhörnchen von Ast zu Ast sprang.
Marly saß starr im Fensterrahmen. Sie beobachtete den Hof, als erwartete sie, dass sich der Einbrecher davonstehlen würde. Als niemand kam, lehnte sie sich ein Stückchen weiter heraus, um besser nach unten sehen zu können.
Hinter ihr knackten die Holzdielen.
Sie drehte sich um.
Ein Schatten.
Ein Mann.
Er rannte auf sie zu.
Sie schob sich nach draußen ab.
Hände packten ihr linkes Bein und zogen sie wieder ins Atelier zurück.
Sie stürzte und schrie. Ihr Hinterkopf schlug gegen die Wand und mit der Hüfte knallte sie auf den Boden.
»Wo ist er? Sag es mir!« Die Worte waren wie Maschinengewehrfeuer, ratternd und unaufhaltsam.
Sie blinzelte benommen. Dann kroch ihr Blick von den zwei schwarzen Lederstiefeln seinen Körper hinauf. Die Muskeln an seinen Beinen füllten die grauen Stoffhosen aus und seine Oberkörpermuskulatur wölbte sich unter der Bikerjacke. Ein Tuch verhüllte seinen Mund und seine Nase, wie die Sonnenbrille seine Augen und wie die Baseballkappe sein Haar.
Marly drückte sich auf, bis sie an der Wand lehnte. »Wo ist wer?«
»Der Koffer, verdammt.«
Sie schüttelte den Kopf, stoppte und presste die Finger an die Stirn. »Ich habe keinen …«
»Wo ist er?«
Sie wies zur Treppe. »Esszimmer, unter dem Tisch.«
Er umgriff ihren Oberarm, zog sie auf und zerrte sie vorwärts. »Du kommst mit.«
Sie hing an ihm wie eine Marionettenpuppe, der man die Fäden auf der rechten Seite gekappt hatte. Ihre Füße verfehlten jede zweite Treppenstufe, wobei abwechselnd ihr Knie und Ellenbogen in die Sprossen des Geländers krachten.
Im Erdgeschoss bog er mit ihr in das Speisezimmer und stieß sie von sich.
Mit den Händen voran klatschte sie auf das Fischgrätenparkett.
»Hinsetzen.«
Sie biss die Zähne zusammen und setzte sich auf. Ihr Blick floh zur Eingangstür, bis er vor die gedeckte Tafel trat und ihr die Sicht versperrte. Er packte den Tisch und kippte ihn um.
Marly drückte sich ab und rannte in die Küche, direkt zum Fenster über der Spüle. Ihre Hände hetzten zum Verschluss. Sie drehte den Metallhebel auf und versuchte, die querliegende Holzstange nach oben zu schieben.
Sie klemmte.
Die Holzdielen knarrten.
Marly riss herum.
Er war ihr gefolgt.
Sie drängte sich an den Spülschrank. »Bleib mir fern.«
Ein Lachen drang durch die Maske. »Oder was?«
Ihr Blick schnellte zu all den Dingen, die in ihrer Nähe lagen. Im Spülbecken versteckten sich Kaffeetassen und Teller. Keksdosen und Schüsseln standen in den offenen Hängeregalen. Sie ergriff den Tonkrug, der an einem Haken an der Wand hing, und schlug ihn gegen die Kante der Arbeitsplatte. Die Wucht des Aufpralls schmetterte durch ihren Arm und sie ließ los.
Der Krug knallte auf die Fliesen und zersprang.
Sie bückte sich und griff ein Bruchstück. »Oder ich …« Sie stolperte vor ihm zurück, bis sie mit dem Rücken an die Wand stieß. Sie streckte ihm die Tonscherbe entgegen und fuchtelte wie ein Kind mit einem Holzschwert. »Ich schlitz dich auf.«
Der Mann presste die Hände ineinander und das Leder der schwarzen Handschuhe spannte sich um seine Fingerknöchel. Er ging auf sie zu und schleuderte ihr die Scherbe aus der Hand. Dann stellte er sich vor sie, so dicht, dass die Breite seines Oberkörpers den Küchengang füllte.
Marly ballte die Hände zu Fäusten. »Hat er dich geschickt?«
Er packte ihren Hals. »Zerbrech dir deinen Kopf lieber darüber, wo der Koffer ist. Bevor ich es tue.«
»Ich … habe keinen …«
»Einen Scheiß hast du!«
Sie krallte sich in seine Unterarme.
Seine Finger schnürten sich fester um ihren Nacken und er drückte sie an ihrer Kehle nach oben. »Wo ist er?«
Das Weiß ihrer Augen trat hervor. Die rechte Hand rutschte von seinem Arm und deutete zum Wohnzimmer.
Er ließ sie los.
Sie fiel auf die Knie. Der Atem schoss zurück in ihre Lungen und die Luft ratterte durch ihren Mund.
»Verfluchte Weiber.« Er beugte sich zu ihr, fasste ihren Arm und zerrte sie aus der Küche. »Warum könnt ihr uns nicht einfach sagen, wo ihr unsere Sachen hin räumt.« Er zog Marly mit sich, während ihre Füße über Blumenblätter, Scherben und Splitter schleiften. Dann stieß er sie von sich. Mit der Schulter prallte sie gegen den Fuß des umgekippten Sofas.
»Wo?«, schrie er. Er packte die Schubladen einer Kommode, riss sie heraus und schmetterte sie links von Marly gegen die Unterseite der Couch. »Hast du Schoten in den Ohren?«
Keuchend saß sie auf dem Boden und presste die Hand an ihr Schlüsselbein. Ihre Augen waren mit Tränen gefüllt und von geplatzten Äderchen gerötet. Kampfesmüde sah sie zu ihm auf.
Er hob eine Glasscherbe auf und trat zu ihr. »Ich kann die Hütte auseinanderkloppen, während du in deinem eigenen Saft ertrinkst oder du sagst mir, wo ich den pissgelben Koffer finde.«
Sie zuckte zusammen, als hätten seine Worte eiskaltes Wasser über sie gegossen. Ihr Blick hetzte zu der Wanduhr, die mit ihrem goldenen Pendel hin und her schwang.
15:43 Uhr.
In siebzehn Minuten wollten Beth und Loran ihre Tochter zurückbringen.
Er folgte ihrem Blick. »Wir können auch warten, bis das nächste Druckmittel erscheint.«
Sie öffnete den Mund und ihre Stimme kratzte durch ihren Hals. »Nein.« Sie setzte sich auf, keuchte und lehnte sich an den Couchboden. »Der Koffer … er liegt dort.« Sie zeigte auf die Sitzbank im Flur. »Unter der Decke.«
Er fuhr herum, trat zur Garderobe und zog die Stoffdecke herunter. Lanas gelber Spielzeugkoffer lag vor ihm auf einem weinroten Sitzkissen.
Sein Oberkörper hob sich in einem langen Atemzug. Dann drehte er sich zu ihr, stellte die Scherbe wie eine Klinge zwischen seinen Fingern auf und ging zurück zu ihr.
Aus gläsernen Augen sah sie zu ihm auf. »Was willst du noch?«
Er packte sie an ihrem Shirt und zog sie hoch. Sein Kopf beugte sich zu dem ihren, bis der Stoff der Maske ihre Nasenspitze berührte. »Nur das.« Er ließ das Bruchstück fallen, fasste sie mit der zweiten Hand und schleuderte sie von sich. Sie knallte mit ihrem Rücken und Hinterkopf gegen die Wand und landete bewusstlos auf dem Boden.
Die Wandbilder von Beth und Lorans Spanienreise fielen auf sie herab.

1. Für wen hat sich die Szene am stärksten gewandelt?

 Für Marly, denn für sie steht in dieser Szene am meisten auf dem Spiel.

2. Wie hat sich die Szene vom Anfang zum Ende gewandelt?

Marly: Leben zu Bewusstlosigkeit.

Einbrecher: fehlgeleitet zu triumphierend

3. Was ist das auslösende Ereignis der Szene?

Marly hört bedrohliche Geräusche aus dem Erdgeschoss.

Für die Fragen 3-8 nutzen wir immer die Perspektivfigur, um die Antworten zu finden. Natürlich sollte sich auch für die Nebenfiguren in der Szene etwas ändern, aber wenn man verfolgen will, wie sich der Verlauf der Geschichte auf die Perspektivfigur auswirkt, sollte man auch diese Figur im Auge behalten.

4. Was ist eine steigende Komplikation in der Szene?

Der einzige Ausweg für Marly ist der Weg über das Vordach.

5. Was ist der Wendepunkt der Szene?

Der Mann packt Marly und zieht sie ins Haus zurück. Sie ist ihm nun ausgeliefert und ihr Leben befindet sich in seiner Hand. Wir müssen immer herausfinden, was in der Szene für die Perspektivfigur auf dem Spiel steht und dann den Wendepunkt finden, der den Wert für das, was auf dem Spiel steht, ändert

Man könnte argumentieren, dass der Wendepunkt der Moment ist, wo Marly erfährt, wonach der Einbrecher sucht, als er die Farbe des Koffers erwähnt: pissgelb. Und schlagartig denkt sie daran, dass ihre Tochter in den nächsten Minuten heimkehrt. Die Szene würde sich für sie in diesem Fall von ahnungslos zu beschützend zu hilflos wandeln. (Am Ende der Szene ist sie bewusstlos und könnte ihre Tochter demzufolge nicht mehr beschützen.)

6. Was ist die Krise der Szene?

In dieser Szene gibt es viele Krisenfragen, denen sich Marly stellen muss. Da der Wendepunkt jedoch die Krise einleitet, betrachten wir die Frage, die Marly sich in dem Moment stellen muss, nachdem er sie gepackt und zurück ins Atelier gezerrt hat.

Soll sie ihn anlügen, um Zeit zu schinden, bis sich ein anderer Ausweg für sie ergibt? Hier jedoch mit der Konsequenz, dass ihre Lüge ihn noch aggressiver werden lässt.

Oder soll Marly darauf bestehen, dass sie keinen Koffer besitzt, wobei sie sofort nutzlos für ihn wird? Würde er sie dann in Ruhe lassen oder sie gleich töten?

7. Was ist der Höhepunkt der Szene?

Marly lügt ihn an und hofft darauf, dass sich eine andere Situation für sie ergibt, wo sich die Möglichkeit der Flucht ergibt.

8. Was ist die Auflösung der Szene?

Marly entkam ihm nicht. Er erhielt, was er wollte, ließ sie jedoch am Leben.

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Storyanalyse.de

Melanie Naumann hilft Autoren, ihren besten Roman zu schreiben.

Melanie Naumann schreibt Thriller, studierte Sprache und bildet sich seit 2015 als Lektorin fort. Aus der Liebe zum Lektorat entstand zuerst ein Schreibblog, Ende 2018 dann Storyanalyse.de, um Autoren Hilfestellungen zum Schreiben und Lektorieren ihrer Manuskripte zu geben.

Melanie orientiert sich an den Story Grid Erkenntnissen von Shawn Coyne, da sie die Art des Lektorats des US-amerikanischen Lektors als die hilfreichste Methode empfindet, um herauszufinden, ob Geschichten funktionieren.

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