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Wie kann ich besser schreiben lernen?

Die Zeitform: Vergangenheit oder Gegenwart?

In welcher Zeitform schreibst du deinen Roman?

Vergangenheit oder Gegenwart? In welcher Zeitform schildert dein Erzähler die Geschichte? Erlebt er sie hautnah mit oder blickt er auf sie zurück?

 

Die Zeitform: Vergangenheit oder Gegenwart? - In welcher Zeitform schreibst du deinen Roman?

04. Nov 2017 0

Inhaltsübersicht

 

Vergangenheit oder Gegenwart? Wie du die passende Zeitform findest.

Vergangenheit oder Gegenwart? Eine einfache und doch entscheidende Frage, die du dir vor Beginn deines Romans stellen solltest.
Vielleicht hast du ja auch vor beide Zeitformen in verschiedenen Szenen einzusetzen.

Aber wann wählst du welche?

Wie setzt du sie ein?

In welchem Fall wäre die andere Zeitform doch der bessere Zeitrahmen, um die Ereignisse deiner Geschichte zu schildern?

 

Klar, im Nachhinein, wenn dein Manuskript fertig vor dir liegt, kannst du die Zeitform immer noch ändern. Aber hast du dir schon einmal vorgestellt, wie viele Verben ein Roman mit ca. 80.000 Wörtern besitzt? Und dass es nicht nur die Verben sind, die du ändern musst? Sondern manchmal ganze Beschreibungen und Absätze.

Deswegen lerne die Vor- und Nachteile beider Zeitformen – Gegenwart und Vergangenheit – kennen und erfahre, wie du sie am wirkungsvollsten für deine Geschichte einsetzt.

 

Geschichten in der Gegenwart

Über Jahrtausende erzählten sich die Menschen Geschichten in der Vergangenheitsform. Sie dienten der Überlieferung von Wissen, Erlebnissen, Warnungen und auch der Unterhaltung. Egal, ob sie ausgedacht oder wahr waren, man erzählte sie sich stets als ein Ereignis, das bereits passiert war. Menschen lieben es, Geschichten zu hören, über Dinge, die anderen zugestoßen sind, sei es aus Interesse, Wissensdurst oder einfacher Unterhaltung.

Wir sind es gewohnt, Geschichten zu hören, die uns in der Vergangenheitsform erzählt werden.

Gerade deswegen sind sie glaubhafter, weil sie eben so erscheinen, als wären sie bereits passiert (selbst die fiktiven und Fantasy – oder wer glaubt nicht daran, dass Tolkien vielleicht doch eine Parallelwelt namens Mittelerde entdeckt hat ;-) .

 

Die Bedeutung des Films auf die Zeitform

Doch heute, im Zeitalter von Filmen und dem Einfluss von Drehbüchern auf die Art des Romanschreibens baute sich die Gegenwart als Zeitform für das Geschichtenerzählen auf.

Früher nutzte man die Zeitform der Gegenwart in fiktiver Prosa oder sie war ein Mittel der Moderne, um einen besonderen Effekt zu erzielen. Heutzutage ist sie als Standardzeitform in unserem Inneren einprogrammiert. Um uns herum geschehen so viele Geschichten und durch das Storytelling im Marketing oder die Möglichkeiten von Virtual Reality lauern interaktive Geschichten vor unserer Türschwelle.

Wir haben die Macht die Geschichten, die uns begeistern, mitzugestalten.

Ich selbst habe in meiner Teenagerzeit Geschichten geschrieben, die im 'Jetzt' passierten. Somit waren sie für mich greifbarer und bildeten ein intensiveres Erleben der Handlung und Emotionen.

 

Doch bleiben wir am Beispiel Film:

Filme können nicht erzählen, wie ein Buch es kann.

Filme bauen eine Geschichte auf, indem sie eine Sequenz von Ereignissen / Aktionen in der Gegenwart zeigen. Die einzige Art um herauszustellen, dass eine Sache, die wir im »Jetzt« sehen, bereits passiert ist, kann allein durch die Zugabe dieser Information vermittelt werden – sei es durch das Hinzufügen eines Bildrahmens mit unsauberen Kanten, eine Datumsangabe, oder der Stimme eines Erzählers.

Im Film gibt es kein Äquivalent zu:

Ich hatte bereits mehrere Kilometer auf dem Tacho stehen, als ich bemerkte, dass dieser Neuwagen nicht das Auto war, von dem ich mein Leben lang träumte. Jetzt fahr ich zurück zur Werkstatt, denn wenn ich noch ein paar Minuten länger diesen Alptraum erleben müsste, werde ich den Wagen zu Schrott gefahren haben.

Um all die Zeitformen dieses Absatzes in einem Film zu zeigen, müsste man eine Reihe von Momenten zeigen und darauf hoffen, dass der Zuschauer den Zusammenhang zwischen Zeit, Ursache und Eventualität versteht.

 

Willst du wirklich im Präsenz erzählen?

Solltest du dich der Erzählung in der Gegenwart verschreiben (im Gegensatz zu einer begründeten Entscheidung, dass für einen bestimmten Teil deiner Geschichte die Gegenwart die beste Strategie sein könnte), dann verpasst du eine wertvolle und einzigartige Stärke der Erzählung: Die Tatsache, dass der Erzähler eine von der physischen Handlung unabhängige Einheit in Zeit und Raum ist.

Die Zeit der Erzählung ist unabhängig zu der realen Zeit, und die Textzeit unterscheidet sich auch nochmal davon.

Aber in der Gegenwartserzählung kannst du diesen Vorteil nicht ganz so gut auskosten.

Zum Beispiel gibt es in vielen Romanen, die in der Gegenwart geschrieben sind, diese eine Szene, wo etwas von Augenblick-zu-Augenblick geschildert wird – nur um es mit einem Klumpen von Hintergrundwissen oder Erklärungen zu pausieren. Und solltest du zu denjenigen gehören, die glauben, dass für das Gegenwartserzählen jedes ›war‹ oder ›waren‹ durch ›ist‹, ›sind‹, ›bin‹ oder ›seid‹ ersetzt werden müsste, dann wird das kaum einen Unterschied machen. Erfahre in diesem Blogeintrag, warum: Wie du ein packendes Erlebnis für deine Leser schaffst.

 

Probleme der Gegenwartserzählung

Kombinierst du die Erzählung in der Gegenwart mit einem externen, allwissenden Erzähler, der die Geschichte in der dritten Person erzählt, ist diese Zeitform nicht so sehr an Möglichkeiten limitiert, wie z.B. mit einem Ich-Erzähler – wenn er bewusstlos geschlagen wird, kann er das ›Warum‹ und ›Wer‹ auch erst im Nachhinein erzählen.

Schilderst du das Geschehen aus der limitierten dritten Person (der externe Erzähler kann nur die Gedanken des Protagonisten lesen), dann ist die Erzählung in der Gegenwart genauso problematisch. Dadurch, dass wir dem Protagonisten auf innerer Ebene sehr nahe stehen, mit ihm denken und fühlen, erfahren wir all das, was er erlebt, in der Gegenwartserzählung noch intensiver.

Das bedeutet: Bei Ereignissen steht der Protagonist in seiner Rolle als Erzähler außerhalb des Geschehens, da sein gesamtes Empfinden in jenem Moment auf das Erleben statt das Erzählen gerichtet ist.

Demzufolge kann der Charakter-Erzähler im aktiven Geschehen nie beides zugleich sein, um das Geschehen gleichzeitig zu schildern.

Wenn der Protagonist oder eine Figur unser Erzähler in der Geschichte ist, werden wir als Leser nie ganz in die Geschichte eintauchen können.

 

Wann klappt es mit der Geschichte im Präsenz?

Möchtest du trotzdem deine Geschichten im Präsenz schreiben, solltest du ein gutes Gefühl für Handlung, Zeit und Raum entwickeln, um nicht nur vom Jetzt zum nächsten Jetzt zu springen, sodass der Leser sich wie mit einem Löffel geprügelt fühlt.

Flüssiges und flexibles Erzählen ist hier ein sehr wichtiger Faktor, um einen guten Ausgleich zwischen den Ereignissen zu schaffen.

 Storyanalyse - Ereignisse bauen auf der Vergangenheit auf und werden von der Zukunft fortgeführt.

Was sind die Vorteile von Geschichten im Präsenz?

Klar, Geschichten in der Gegenwart wirken unauffällig. Aber können sie einen Erzählstil stärken, wenn der Leser im permanenten Jetzt gefangen ist? Wenn die Erzählung mit der physischen Aktion einhergeht?

Vielleicht.

Auch wenn die Gegenwart im Geschichtenerzählen funktioniert, kann sie dennoch nicht die Vielschichtigkeit der menschlichen Erfahrung herüberbringen: Nämlich die Tatsache, dass Ereignisse sich auf der Vergangenheit aufbauen und von der Zukunft fortgeführt werden.

Eins, was wir mit dem Älterwerden erwerben, ist die Reife zu verstehen, dass wir im Zusammenhang unserer Erfahrungen leben und den Platz von Zeit und Raum um uns kennen. Wir wissen, wie schnell die Zeit verfliegt, und nur die Vergangenheitserzählung beinhaltet unser Erlebtes wie auch den Augenblick.

 

Die Vor- und Nachteile von den Zeitformen: Vergangenheit und Gegenwart

Für deine Unterlagen habe ich dir eine Übersicht vorbereitet. Du kannst sie hier herunterladen: Vorteile und Nachteile von Vergangenheit und Gegenwart

Vergangenheit oder Gegenwart

Vorteile: Schreiben in der Vergangenheitsform.

  • Du bist der Herrscher über die Zeit. Du bestimmt, wann du welche Ereignisse offenbarst und wie lang sie in ihrer Erzählung andauern.
  • Du gibst die Geschwindigkeit vor. Da sich die Ereignisse in der Vergangenheit zugetragen haben, entscheidest du, ob du das Tempo deiner Handlung anziehst oder verlangsamst.
  • Du kannst Spannung mit Leichtigkeit aufbauen. Deine Leser wissen, dass deine Geschichte auf einen Punkt in der Zukunft hinsteuert, weil sie genau von diesem Zeitpunkt erzählt wird (selbst Sprünge zum Erzähler in der Zukunft sind möglich).
  • Hintergrunderzählungen und Rückblicke sind durch die verschiedenen Zeitformen der Vergangenheit leicht umzusetzen.
  • Enthülle die Charakterzüge deiner Figuren in der zeitlichen Anordnung von vergangenen Ereignissen, sodass sie deine Leser überraschen.
  • der Erzähler und der Protagonist sind durch die Zeit getrennt, selbst wenn sie der die gleiche Person sind.
  • Der Fokus der Erzählung tendiert zu dem Aufbau der Erkenntnis, in welchem Kontext von vergangenen Ereignissen sich die Figuren und ihre Entscheidungen entwickelt haben. Dies bietet Spielraum für dramatische Ironie, Spannung und Verständnis.

 

Nachteile: Schreiben in der Vergangenheitsform.

  • Bei persönlichen Erzählern kann der Leser davon ausgehen, dass er in der Geschichte nicht sterben wird, weil er die Geschichte erzählt.
  • die Verführung ist groß in ein reines Erzählen zu verfallen, ohne die Ereignisse in einem Aufbau von Minute-zu-Minute Spannung zu zeigen.
  • für Anfänger birgt der Erzähler in der dritten Person die Gefahr einer distanzierten und faden Erzählung, mit hoher psychischer Distanz zu den Figuren, sodass der Leser nie die Dinge wie die Figuren erlebt (Link: Filter).

 

Vorteile: Schreiben in der Gegenwart.

  • Die Geschichte spielt sich im Hier und Jetzt für den Leser ab.
  • Die Handlung wirkt realer, da sie in ihrem Ablauf dem realen Leben gleicht, wo der Fokus auf dem, was gerade geschieht, liegt.
  • Der Strom von Dingen, die hintereinander geschehen, dient der Erzählung, wo der Protagonist verwirrt ist, und / oder man den Leser auch verwirren möchte.
  • die ewige Gegenwart passt zu den Figuren / dem Erzähler, die ihr Gefühl von Vergangenheit und Zukunft vergessen oder unterdrücken.
  • um zu betonen, dass der menschliche Zustand vergänglich ist
  • einfache Verwendung der Zeitform
  • in Kombination mit dem Ich-Erzähler verschmilzt die Lücke zwischen Erzähler und Protagonist, der Erzähler weiß das, was der Protagonist weiß und sagt nur das aus, was der Protagonist in einer Situation denkt und fühlt

 

Nachteile: Schreiben in der Gegenwart.

  • Die Erzählung der fortlaufenden Hier und Jetzt Ereignisse schafft Inflexibilität. Dabei gibt es kaum Spielraum für das Vergrößern und Komprimieren von Szenen, und Zeitverschiebungen sind umständlich oder abrupt.
  • Der Realismus in der Zeit verfügt über vergangene Aussagen und Geschehnisschilderungen. Der Autor muss hier selektieren und fokussieren können, um zu entscheiden, wie etwas erzählt wird.
  • Spannung kann nur durch die ungewisse Zukunft geschaffen werden, so stellt sich der Ironie- und Spannungsaufbau schwieriger dar.
  • Die Treue zur Gegenwart, der Realität, gewährt kaum Platz für um Bedeutungen zu erklären oder etwas zum Verständnis anzubieten. Die Handlung muss für Erzählungen pausiert werden.
  • kannst du die Action nicht pausieren, reißen Rückblenden deine Leser aus der Geschichte.
  • subtile Charakterisierung und die Schaffung von Tiefe durch Hintergrundgeschehnisse sind nicht gegeben.
  • kein Unterschied zwischen Gedanken, Anspielungen oder freier indirekter Rede
  • durch die ständige Gegenwart wird die Geschichte ›aus der Zeit genommen‹ – Sie verliert den menschlichen Sinn, der unseren Platz in der Zeit und Welt bestimmt, wenn uns die Vergangenheit vorwärtsbringt und uns handeln lässt.
  • bei der Kombination mit einem Ich-Erzähler muss dieser sowohl beobachten als auch erleben. Dies kann ein Gefühl von losgelösten Ereignissen schaffen.

 

So kombinierst du Gegenwart und Vergangenheit.

Natürlich ist es möglich, die Vorteile beider Zeitformen für deine Geschichte zu nutzen. Entweder trennst du sie durch Szenen voneinander oder du packst sie in deinen Handlungsfaden an die Stelle, wo sie am besten passen. Das bedeutet, Ereignisse, die in deiner Geschichte nah an der Zukunft liegen, aus der die Geschichte erzählt wird, verfasst du im Präsens. In der Gegenwart schilderst du dann die Vorkommnisse, die weiter zurückliegen.

Aber auch das Gegenteil könnte prima funktionieren: Das verwirrte Gefühl der Gegenwart kann Erinnerungen perfekt ins Hier und Jetzt holen, während die Vergangenheit die in uns verankerte Beziehung zur Zeit, die eine Haupterzählung braucht, perfektioniert.

 

Egal, wie dieser Blogeintrag auf dich wirkt.
Ob du dir bereits vorher die Frage der Zeitform gestellt hast, oder jetzt eher verwirrt bist, welche du verwenden solltest. Du musst wissen, dass im Repertoire des Geschichtenschreibens beide Zeitformen existieren und du als Autor die Entscheidung treffen musst, wie sie deiner Geschichte am besten dienlich sind. Das ist wie die Frage, für welchen Erzählstil du dich entscheidest, oder was du zeigst, und was du beschreibst.

Teile gerne deine Anmerkungen zu diesem Beitrag in den Kommentaren. 



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Storyanalyse.de

Melanie Naumann hilft Autoren, ihren besten Roman zu schreiben.

Melanie Naumann schreibt Thriller, studierte Sprache und bildet sich seit 2015 als Lektorin fort. Aus der Liebe zum Lektorat entstand zuerst ein Schreibblog, Ende 2018 dann Storyanalyse.de, um Autoren Hilfestellungen zum Schreiben und Lektorieren ihrer Manuskripte zu geben.

Melanie orientiert sich an den Story Grid Erkenntnissen von Shawn Coyne, da sie die Art des Lektorats des US-amerikanischen Lektors als die hilfreichste Methode empfindet, um herauszufinden, ob Geschichten funktionieren.

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